diestadtredaktion
Sonntag, 9. August 2026

Analyse

Mussolini “Der harmlose Diktator“

L.P.  ·  8. August 2026

Symmetrie, Minimalismus, Funktionalität: Geht man durch das Zentrum der italienischen Stadt Latina und schaut sich die Gebäude an, bilden diese drei Begriffe den wesentlichen Eindruck. Hinzu kommen ein reges Treiben von Menschen sowie Baustellenlärm. In sechs Jahren feiert die Stadt ihr 100-jähriges Jubiläum, wofür bereits jetzt die Vorbereitungsarbeiten beginnen – schließlich soll sie anlässlich dessen gepflegt und herausgeputzt aussehen.

Und obgleich diese Sanierungsarbeiten für die Bewohner natürlich auch Positives bedeuten, freuen sich nicht alle über die Zelebrierung der Stadtgründung. Latina wurde 1932 nämlich von Benito Mussolini gegründet. Die Architektur war ein wichtiges Propagandainstrument des italienischen Diktators. Seine Bauten dienten vor allem der Machtdemonstration und der Verwirklichung seiner Vision eines vereinten faschistischen Italiens. Zu den bekanntesten Bauvorhaben zählt die Kahlschlagsanierung des Stadtzentrums von Rom sowie die Trockenlegung und Bebauung der Pontinischen Sümpfe südlich der Hauptstadt. Erste Pläne zur Trockenlegung existierten zwar schon vor dem Faschismus, doch das Regime vollendete das Großprojekt und inszenierte es medial als eigene Pionierleistung. Hier wurden in den 1930er-Jahren neben Latina (ursprünglich Littoria) auch die Neustädte Sabaudia und Pontinia regelrecht aus dem Boden gestampft. Sie sollten als faschistische Musterstädte gelten. Das umliegende Land sollte landwirtschaftlich genutzt werden, weshalb das Regime eine groß angelegte Umsiedlung von etwa 30.000 oft bitterarmen Bauern, vor allem aus Venetien und dem Nordosten, veranlassen ließ.

„Viele finden es unpassend, mit den Feierlichkeiten zum 100. Jubiläum auch indirekt Mussolini und sein Regime zu zelebrieren“, so eine Bewohnerin. Doch dies scheint nicht der allgemeingültige Konsens zu sein. Noch heute sind die Stadt und die umliegende Region von ihrer faschistischen Entstehungsgeschichte geprägt. Es herrscht eine gewisse Anerkennung für den „Duce“, der den damaligen Siedlern aus dem Norden Häuser, Land und damit eine neue Existenz ermöglichte, ein Narrativ des „wohltätigen Landesvaters“, das in vielen Familien bis heute weitergegeben wird.

Dies findet sich auch in der Regionalpolitik wider. Bei den letzten Kommunalwahlen 2023 konnte die ultrarechte Fratelli d’Italia knapp 40 Prozent der Stimmen für sich gewinnen. Sie gilt als Nachfolgepartei der neofaschistischen Movimento Sociale Italiano (MSI), welche in der Nachkriegszeit von Anhängern Mussolinis gegründet wurde. Durchwegs neofaschistisch geprägt ist Latina aber nicht. Die Stadt ist vielfältig: In der Vergangenheit gab es auch linke Bürgermeister, es gibt eine Universität und auch die Jugendlichen aus der Umgebung, die hierherkommen, um einen Aperitivo einzunehmen, sind ein fixer Bestandteil des Stadtlebens.

Vielmehr spiegelt die Zuneigung zum Mussolini-Regime, die hier mancherorts stattfindet, ein italienweit verbreitetes Phänomen wider. In Deutschland oder Österreich könnte man sich heute nicht vorstellen, auf Gullideckeln Hakenkreuze zu finden oder in manchen Restaurants Bilder von Adolf Hitler an den Wänden zu sehen, wie man es mit ähnlichen faschistischen Symbolen oder Bildern des „Duce“ in Latina tut. Nach dem Nationalsozialismus fand bei uns eine umfassende Aufarbeitung statt. Obgleich diese von manchen dennoch als unzureichend wahrgenommen wird, gab es allein so etwas wie die Nürnberger Prozesse in Italien schlichtweg nicht. Die fehlende ausführliche institutionelle Aufarbeitung, könnte womöglich auch der Grund dafür sein, dass kein gesellschaftsübergreifend einheitliches Geschichtsbild existiert. Zudem gibt es zwar Gesetze gegen die Verherrlichung des Faschismus, diese werden allerdings nur in sehr seltenen Fällen angewendet.

Es lohnt sich auch ein Blick nach Predappio, die Geburtsstadt Benito Mussolinis im Norden Italiens, welche ein beliebter Pilgerort für neofaschistische Gruppierungen ist. Hier finden sie sich ein, um sein Geburtshaus oder seine Grabstätte zu besuchen und ihrem „Helden“ zu gedenken. Ähnliche Geschehnisse lassen sich zwar auch bei Neonazis, beispielsweise im österreichischen Braunau, beobachten, jedoch unterscheidet sich der Umgang der beiden Länder mit diesen Gruppen wesentlich: In Österreich entschied sich das Innenministerium beispielsweise dazu, im Geburtshaus Hitlers eine Polizeistation einzurichten, um den Ort unattraktiv zu machen und staatliche Präsenz zu zeigen. Währenddessen kann man in den Souvenirläden Predappios ungehindert von den italienischen Behörden Mussolini-Statuen oder auch Hakenkreuze kaufen.

„Es gibt also unendlich viele blinde Stellen im Geschichtsbild der Italiener, und in diesen Blindstellen konnten sich natürlich viele, viele Legenden über Mussolini einnisten und halten“, so der Historiker Hans Woller in einem Beitrag des Deutschlandfunks.

So hält sich der weitverbreitete Glaube, Mussolini habe neben „einigen bösen Sachen“ auch viel Gutes für das Land getan. Nach Ende des Ersten Weltkriegs, in den sogenannten goldenen Zwanzigern, trat Italien beispielsweise wie viele andere europäische Länder in eine Ära der Modernität ein. Allerdings geschah dies im Unterschied zu anderen Staaten während des faschistischen Regimes. So kam es dazu, dass beliebte Erfindungen wie das Radio oder das Kino faschistisch konnotiert wurden.

Vor allem aber zirkuliert der Mythos, der Faschismus habe auf ökonomischer, militärischer und sozialpolitischer Ebene beträchtliche Erfolge erzielt. Ein klassischer Spruch lautet dabei: „Als ER noch da war, fuhren die Züge pünktlich.“ Was dabei unberücksichtigt bleibt, Mussolini hat viele bestehende Errungenschaften, die nicht von ihm stammten, als seine eigenen ausgeben lassen – seine Propaganda hat ihn überlebt. So entstand etwa das Rentensystem bereits 1895, als Mussolini noch ein Kind war, und die Arbeiterversicherung 1919, zwei Jahre vor seiner Machtübernahme im Jahr 1922.

Der Faschismus wird zudem, nicht nur in Italien, sondern auch außerhalb, im Bezug auf den Nationalsozialismus oft als vergleichsweise harmlos wahrgenommen. Zum Bild des „harmlosen Diktators“ gehört dabei auch die gezielte Ausblendung der faschistischen Verbrechen im Ausland. Der Mythos der „Italiani brava gente“ (der „guten Italiener“) verdeckt bis heute die grausamen Kolonialverbrechen des Regimes – etwa den Giftgaseinsatz im Abessinienkrieg oder die Brutalität in den libyschen Konzentrationslagern. Nicht zu vergessen das Mussolini stark mit den Nationalsozialisten kooperierte, was unter anderem zu der Deportation und Ermordung 8000 bis 9000 italienischer Jüdinnen und Juden geführt hatte.

Im kollektiven Gedächtnis weurden viele dieser Gräueltaten jedoch von der Erzählung überstrahlt, Mussolini habe lediglich Straßen und Städte gebaut und sich vor allem väterlich um die italienische Bevölkerung gekümmert.

Natürlich sind die Mehrheit der Italiener also keine Neofaschisten aus tiefster Überzeugung. Das Problem liegt vielmehr in einer weitverbreiteten Normalisierung und Banalisierung des faschistischen Gedankenguts im Alltag. Die Verdrängung der Unterdrückung von Minderheiten wie etwa in Südtirol, der kolonialen Gewaltverbrechen und der Gräueltaten des Regimes hat zu einer Art Entpolitisierung der Geschichte geführt. Der Faschismus wird von einigen nicht als Verbrechen wahrgenommen, sondern als historisches Hintergrundrauschen hingenommen. Neofaschistische Kräfte und eine verharmlosende Rhetorik werden dadurch sowohl von Teilen der Bevölkerung als auch vom Staat eher als folkloristische Eigenheit belächelt als als Bedrohung verurteilt.

Man darf außerdem nicht vergessen, dass es auch aktive Bewegungen die sich gegen Neofaschistische trends stark machen gibt. Zivilgesellschaftliche Bündnisse, antifaschistische Jugendgruppen und Organisationen wie die ANPI (der Verband der italienischen Partisanen) kämpfen aktiv gegen diese Geschichtsvergessenheit. Sie organisieren Gegenveranstaltungen, leisten Aufklärungsarbeit und organisieren Proteste.