Medizinische Beratung zum Scrollen
Früher führte der Weg bei gesundheitlichen Fragen einen zum Hausarzt. Heute beginnt er für viele auf Social Media, zwischen kurzen Videos und vermeintlich einfachen Lösungen.
Mit einem Gesundheitssystem, dessen Überlastung an allen Enden zu spüren ist, von Notaufnahmen über Wartezeiten bei Facharztterminen bis hin zu der Schere zwischen Kassen- und Privatpatient*innen, welche immer größer wird. Da darf es kein Wunder sein, dass man nach anderen Anlaufstellen sucht, welche für viele die Weiten von Social Media geworden sind. Einmal Instagram geöffnet und ein bisschen Zeit dort verbracht, kommt man an ihnen eigentlich kaum vorbeikommen: „Medfluencer*innen”.
Egal ob Hausarzt, Kardiologe, Dermatologe oder Orthopäde, für alle gesundheitlichen Anliegen scheint Social Media eine Antwort ausspucken zu können. Oft stehen sie im weißen Kittel oder mit umgehängtem Stethoskop vor der Kamera. Unabhängig von ihrem eigenen Ausbildungsstand reflektiert es oft den Eindruck, als wären alle von ihnen Ärzte, welchen man nach Jahren an Erfahrung und einem abgeschlossenen Studium der Humanmedizin auch einen Funken seines eigenen Vertrauens schenken kann. Jedoch sind viele von ihnen auch Medizinstudent*innen, Pflegekräfte, Diätolog*innen oder andere Gruppen, welche, wenn überhaupt, lediglich Tangenten unseres Gesundheitssystems sind.
Die neue Schiene der Medizin findet vor allem bei jungen Österreicher*innen zwischen 15 und 25 Jahren Anklang. Studien des „Management Center Innsbruck” zeigen, dass von den 37,2% der Befragten, welche aktiv Content von Medfluencer*innen verfolgen, 77,6% angeben, bei gesundheitlichen Fragen ihr Vertrauen in deren Hände zu legen.
Doch wie so oft im Internet gilt auch hier: Zwischen seriöser Aufklärung und Fehlinformationen mit verbundener Geldmacherei verläuft ein schmaler Grad. Ein prominentes Beispiel dafür, welches sich in den vergangenen Wochen einen Namen gemacht hat, ist die ehemalige Medizinstudentin Alina Walbrun. Auf ihrem Instagram-Account folgen ihr 285.000 Leute. Dort findet man zwischen gesundheitsbezogenen Inhalten vor allem viel Werbung und Geldmacherei. Erst letztens klärt sie auf ihrer Seite im Sinne einer „Disease-Awareness-Campaign“ über das Thema PVNH, die postvirale nasale Hypersensibilität, auf, eine Krankheit, welche angeblich die Riechschleimhaut auch noch nach einem viralen Infekt gereizt und geschwollen zurücklässt. In ihrem Video erzählt sie davon, dass sie selbst davon betroffen sei und sich noch daran erinnern konnte, wie in ihrem Studium über dieses wichtige Thema gesprochen wurde. Aber wie kann das sein, wenn diese Krankheit gar nicht existiert? Vielleicht ließen die 3.800 Euro Provision, welche sie für die Werbekooperation erhielt, die Grenzen zwischen Realität und eigener Fantasie verschwimmen. Mittlerweile hat sie sich für den Fauxpas entschuldigt und auch ihre ehemalige Universität, die LMU München, hat sich von ihr distanziert. Allerdings wird sie in Zukunft wahrscheinlich trotzdem noch mit ihrer Reichweite viel Geld aus den Taschen einiger gutgläubiger Menschen ziehen.
Während manche mit einzelnen gesundheitsbezogenen Behauptungen Aufmerksamkeit erzeugen, gehen andere einen Schritt weiter und stellen das gesamte medizinische System infrage. Er selbst gibt sich viele Namen, sei es medizinischer Querdenker, Anti-Mainstream-Arzt oder Top-Gesundheits-Experte Europas. Dr. Michael Spitzbart thematisiert auf seinen Social-Media-Kanälen die Notwendigkeit, sich von der schulmedizinischen Lehrmeinung abzuwenden und sich wieder naturgegebenen Möglichkeiten zu widmen. Laut ihm haben sich die großen Pharmaunternehmen und unsere Ärzteschaft gegen uns verschworen. Das Ziel sei, die Gesellschaft krankzuhalten damit man noch mehr Geld aus Patient*innen ausschlachten kann. Doch wenn man einen tieferen Blick hinter die Persönlichkeit Spitzbart wirft, wird einem schnell bewusst, dass er vielleicht selbst derjenige ist, der Ängste und Unsicherheiten zu seinem eigenen Profit instrumentalisiert. Das Wissen, welches von der medizinischen Gemeinschaft verschwiegen wird, sei bei ihm zu finden, jedoch nicht umsonst. Der selbsternannte Missionar begibt sich ja selbst in Gefahr, von der „Big Pharma” verfolgt zu werden, deswegen kann Pandoras Büchse des medizinischen Halbwissens nur gegen ein paar Groschen geöffnet werden. Für die Gesamtheit seiner Videokurse bekommen Sie in 10 Stunden seine Ansätze über Ernährung, Impfungen, Blutwerte bis hin zu „Wie man Krebs bekämpfen kann“, eingetrichtert und das für nur 1.719 Euro. Manch einer würde jetzt behaupten, dass es doch sein gutes Recht ist, für medizinische Beratung Geld zu verlangen. Wenn aber für jede Behauptung sämtliche Kausalität fehlt, stellt sich die Frage, welche Qualität diese Beratung besitzt. Eine beliebte Behauptung des Facharztes für das Drucken von Geschichten ist, dass man statt einer Chemotherapie konsequent zu einer Keto-Diät umsteigen sollte und auf jegliche Kohlenhydrate verzichten müsse. Doch wenn es so einfach wäre, wieso ist Krebs dann weiterhin eine der Krankheiten, die uns noch immer so viele Schwierigkeiten bereitet? Pharmakonzerne natürlich, sie seien diejenigen laut Dr. Spitzbart, die wollen, dass wir weiterhin für teure Therapien bezahlen.
Aber schauen wir doch mal seriös auf Spitzbarts These: Grundsätzlich lässt sich bestätigen, dass viele Krebszellen eine große Menge an Kohlenhydraten aufnehmen. Diese nutzen sie, um Adenosintriphosphat herzustellen. Spitzbart bezieht sich hier oft auf den Nobelpreisträger Otto Warburg, welcher bereits in den 1920er entdeckte, dass Krebszellen nicht primär den klassischen Weg der Energiegewinnung nutzen. Stattdessen stellen sie ihre Energie vermehrt durch die aerobe Glykolyse her. Dabei wird trotz vorhandenem Sauerstoff Glukose zu Lactat und ATP umgewandelt. Die Tumorzellen nutzen diesen sogenannten Warburg-Effekt, da ihnen dadurch ATP viel schneller zur Verfügung steht. Aber dem Körper keinen Zucker zuzuführen, führt schließlich ja nicht nur dazu, dass den entarteten Zellen dieser fehlt, sondern allen Zellen des Körpers. Aber selbst wenn, könnte man den Zucker im Körper nicht einfach abdrehen, denn im Sinne der Gluconeogenese stellt er aus anderen Bestandteilen diesen einfach selbst her. Deswegen lehnt auch die Deutsche-Krebsgesellschaft (DKG) eine Keto-Diät, für oft schon immungeschwächte Krebs Patient*innen ganz klar ab. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass ein erhöhter Zuckerkonsum unter bestimmten Bedingungen mit Mechanismen wie dem Warburg-Effekt in Verbindung unter bestimmten Umständen korrelieren kann, allerdings gibt es keine eindeutigen Langzeit Studien am Menschen welche Kausalität zwischen Zuckerkonsum und Karzinogenese belegen. Mit seiner Halbherzigkeit für wissenschaftliche Recherche und dem aktiven Ausschöpfen des Vertrauens von Follower*innen setzt er nicht nur die Gesundheit dieser Menschen aufs Spiel, sondern auch das Vertrauen in evidenzbasierte Medizin.
Doch wer trägt dann eigentlich die Verantwortung, wenn weder Doktortitel noch medizinische Expertise dahinterstecken? Wenn sogenannte Experten Scherbenhaufen im Leben ihrer verzweifelten Zuschauer hinterlassen, die eigentlich nur nach einem Licht am Ende des Tunnels ihrer Krankheit gesucht haben. In der Regel ist im Internet jedoch oft nicht das hellste Licht, welches seine Lösung am lautesten hinaus schreit, der richtige Weg, sondern jenes, welches mit Bedacht und Verantwortung den Weg weist.
Medfluencer*innen können uns im Alltag informativ als Stütze dienen und uns helfen, Dinge leichter zu verstehen, doch sobald man geblendet von deren Strahlen weiter Richtung Sonne fliegt, bleibt es nur eine Frage der Zeit, bis die Flügel der eigenen Gesundheit zu schmelzen beginnen. Letztendlich entsteht die beste Entscheidung für die eigene Gesundheit nicht durch blindes Vertrauen, sondern durch die Bereitschaft, Fragen zu stellen, zu recherchieren und Verantwortung für das eigene Wissen zu übernehmen – ohne dabei zu vergessen, dass kein Video auf Social Media die persönliche und wissenschaftlich fundierte Beratung durch einen Facharzt ersetzen kann.
Weiterführende Ressourcen
https://www.science.org/doi/abs/10.1126/science.124.3215.269
https://www.science.org/doi/10.1126/science.1160809
https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S2468294225000140
https://www.blasenkrebs-shb.de/wp-content/uploads/Achtung-Gegendarstellung.pdf
https://www.youtube.com/watch?v=tOOOBoaUC_Y
https://masterclass.spitzbart.com/die-videomasterclass/9-in-1-bundle
https://www.medmedia.at/nextdoc/was-der-fall-doc-alina-fuer-die-aerztliche-berufspraxis-bedeutet/
https://www.youtube.com/watch?v=XEQsPeyiTjw&t=390s