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Montag, 10. August 2026

Analyse

Der verhasste Kanzler, der geliebte Bürgermeister

Felix Falkenauer  ·  8. August 2026

Teilzeit Lifestyle. Deutsche müssen sich den Sozialstaat leisten. Das hört man regelmäßig vom deutschen Kanzler Merz. Ganz andere Töne kommen vom neuen Bürgermeister New Yorks, Zohran Mamdani. Welche Strategien die zwei Politiker verfolgen und wie die Bevölkerung reagiert.

Die Un-Zustimmungswerte 

Friedrich Merz ist der unbeliebteste Kanzler der jüngeren Geschichte. Der ARD-DeutschlandTrend von Anfang Juli zeigt: Fünf von sechs Deutschen sind mit der Arbeit des Kanzlers unzufrieden. Auch auf sozialen Medien und in Zeitungen erntet Merz Kritik von allen Seiten. 

Eine gewisse Unzufriedenheit der Bevölkerung und Kritik sind völlig normal. Kritik an der Politik und den Maßnahmen einer Regierung gehören zu den demokratischen Prozessen dazu. Die Zustimmungswerte von Merz sind jedoch ungewöhnlich niedrig. 

Auf Gründe dafür geht der Kanzler nicht ein. Auch entschuldigt er sich nicht für Aussagen, selbst wenn er mal zurückrudert. Viel öfter stellt er sich als Opfer der Medien da. Es würde zu wenig Positives über Deutschland berichtet werden. Kritik wird als einzige Nörgelei abgestempelt. Mittlerweile fast peinliche Ausreden, die den Unmut noch verstärken.

Die Worte und Taten des Kanzlers

Sei es das Zirkuszelt, die kleinen Paschas oder das Stadtbild. Die Kommunikation des Kanzlers ist von misslungenen Aussagen geprägt. Etwa eine Regenbogenfahne auf dem deutschen Bundestag, die nicht in Frage komme, man sei doch kein Zirkuszelt. Probleme bei der Integration verallgemeinert er auf „kleine Paschas,“ die das Stadtbild stören. Nicht nur seine Worte, auch seine Politik greift marginalisierte Gruppen an.

Mit seiner Kampagne gegen den „Teilzeit-Lifestyle“ und die „Work-Life-Balance“ trifft Merz vor allem Frauen. Um den Sozialstaat Deutschland zu sichern, schafft er den gesetzlichen Anspruch auf Teilzeit ab. Laut Destatis arbeitet jede zweite Frau Teilzeit, aber nur jeder fünfte Mann. Für junge Familien, besonders junge Mütter, ist Teilzeit ein Weg Familie und Arbeit zu vereinbaren. Zwei Drittel der Mütter mit Kindern unter 18 Jahren arbeitet in Teilzeit.

Kita Plätze fehlen, Frauen sind noch immer für die Erziehung der Kinder hauptverantwortlich und jetzt soll ihnen noch die Teilzeit genommen werden. Vollzeit arbeiten, Kinder erziehen, Haushalt schmeißen, Pflege der Angehörigen. Frauen werden durch Mehrfachbelastung in den Hintergrund der Gesellschaft gezwungen. 

77 Prozent der Bevölkerung

Nicht nur marginalisierte Gruppen, „die da, die das Stadtbild zerstören,“ müssen sich Kritik vom Kanzler anhören. Merz hat 77% der Deutschen im Visier. Die Arbeitnehmer:innen des Landes. Zu wenig Leistung, zu viele Krankheitstage, zu viel Teilzeit, zu wenig Arbeit. Arbeitnehmer:innen in Deutschland müssen sich viel Misstrauen gefallen lassen. 

Wie etwa den Urlaub auf Krankenschein. Diesen müssen sich Arbeitnehmer:innen bereits ab dem ersten Tag, statt dem Dritten, ärztlich bestätigen lassen. Mehr Arbeit mutet der Kanzler vor allem den Ärzt:innen zu. Merz schlägt offen vor lieber einen Tag krank ins Büro zu gehen anstatt sich krank zu schreiben.

Zahlen widersprechen Merz. Das Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung gibt an, im Jahr 2024 wurden 1,2 Milliarden Überstunden geleistet. 53,6% davon unbezahlt. Vollzeitbeschäftigte leisteten auch laut der Beschäftigungsbefragung des Deutschen Gewerkschaftsbundes mehr als vertraglich vereinbart. Überstunden würden den 48 Stunden Rahmen sprengen. 

Das Reformpaket tritt schrittweise ab Anfang 2027 in Kraft. Bisher sinken die Zustimmungsraten des Kanzlers ab. Das in Kraft Treten der Reformen dürfe diese nicht anheben.

Populär… Geht das noch?

Gibt es überhaupt noch beliebte Politiker? In New York City, der einwohnerreichsten Stadt der USA, soll es jemanden geben. Zohran Mamdani, der wohl meist gehasste Politiker der New York Post. Unter der Bevölkerung erfreut er sich an Popularität. Laut Marist Poll sind 48% der New Yorker zufrieden mit seiner Arbeit.

Während Bilder von Merz beim Wimbledon-Finale viral gehen, springt Mamdani mit der New Yorker Bevölkerung in die öffentlichen Pools oder spielt Fußball mit ihnen. Merz schüttelt Hände mit den britischen Royals und wirft Deutschen fehlende Arbeitsmoral vor. Mamdani kümmert sich um bezahlbare Freizeitaktivitäten für New Yorker:innen.

Seine hohen Zustimmungswerte kommen nicht von rechtem Populismus. Er feiert auf Pride Paraden mit der Bevölkerung und fördert die medizinische Versorgung für trans Personen. Sein Fokus liegt auf einkommensschwachen New Yorker:innen. Eine Gruppe, die vor allem aus nicht weißen und migrantischen Menschen besteht. Auch in seiner Kommunikation liegt sein Fokus auf dieser Gruppe. Während der Fußball Weltmeisterschaft hab er New Yorker Gemeinschaften mit Migrationshintergrund hervor.

1,2 Milliarden für die Kinderbetreuung

Vorwürfe zu wenig zu arbeiten müssen sich New Yorker:innen unter Mamdani nicht gefallen lassen. Vielmehr ermöglicht er Familien und besonders Müttern durch Investitionen in die Kinderbetreuung einen leichteren Wiedereinstieg in die Arbeitswelt. Sein Ziel sind 1,2 Milliarden Dollar für umfassende Kinderbetreuung. Laut dem Economic Policy Institute kostet New Yorker:innen Kinderbetreuung bis zu 1.300 Dollar jeden Monat. 

In Deutschland fehlen rund 300.00 Kitaplätze, das berichtet das Institut der deutschen Wirtschaft. Vor allem für Mütter bedeutet das Probleme beim Wiedereinstieg in den Arbeitsmarkt. Eine umfassende Reform oder Förderung ist im neuen Reformpaket nicht enthalten. 

Popularität unter der Bevölkerung ist keine Magie. Wer punkten will, muss die Lebensrealität der eignen Bevölkerung kennen und sich ihren Problemen widmen. Politik muss nicht von oben herab passieren.

Weiterführende Ressourcen

DeutschlandTrend: https://www.tagesschau.de/inland/deutschlandtrend/deutschlandtrend-juli-102.html

Merz Sommergespräch: https://www.zdfheute.de/video/berlin-direkt/berlin-direkt—sommerinterview-clip-3-276.html

Nörgler: https://www.fr.de/politik/noergler-wegtreten-kanzler-merz-greift-reform-kritiker-an-ein-vergleich-zur-agenda-2010-von-schroeder-zr-94382725.html

„Kleine Paschas“ https://www.spiegel.de/politik/deutschland/friedrich-merz-cdu-verteidigt-kleine-paschas-aussage-a-8bc02730-28a0-4c65-a482-7da68328cb93

Zirkuszelt: https://www.spiegel.de/politik/deutschland/friedrich-merz-zirkuszelt-spruch-ruft-massive-empoerung-hervor-a-9c6eeea2-165f-4811-bf71-9b68d1af527c

Stadtbild: https://www.deutschlandfunk.de/friedrich-merz-stadtbild-migration-diskussion-100.html

Überstunden: https://index-gute-arbeit.dgb.de/++co++6ff847ea-d8b9-11ef-ad1a-2f5860950bb9 & https://iab.de/daten/iab-arbeitszeitrechnung/ 

Reformpakete: https://www.cdu.de/aktuelles/arbeitsmarktpolitik/reformen-kurs-auf-wachstum-und-gerechtigkeit/  

Frauen Teilzeit: https://www.destatis.de/DE/Themen/Arbeit/Arbeitsmarkt/Indikatoren-Qualitaet-Arbeit/Dimension-3/unfreiwillig-teilzeitbeschaeftige.html 

Mütter Teilzeit: https://www.wsi.de/de/zeit-14621-teilzeitquoten-nach-elternschaft-und-alter-des-juengsten-kindes-14741.htm#:~:text=M%C3%BCtter%20weisen%20in%20Deutschland%20sowohl,anderen%20Altersgruppen%20nahm%20leicht%20zu.

Arbeitende Deutschland: https://www.destatis.de/DE/Themen/Arbeit/Arbeitsmarkt/Erwerbstaetigkeit/_inhalt.html 

Marist Poll: https://maristpoll.marist.edu/polls/mayor-mamdanis-first-100-days-april-2026/ 

Mamdani Pool: https://www.news.com.au/world/mamdani-jumps-into-public-pool-on-opening-day-fully-suited/video/4f6c1d1a1615fec57f536467af078654 

Mamdani Fußball: https://www.instagram.com/reel/DZ5HXMwDb4M/?igsh=aXA4dm16bDNsZ3Jw 

Merz Wimbledon: https://m.bild.de/politik/inland/grosses-tennis-kanzler-merz-ganz-locker-in-wimbledon-mit-den-windsors-6a54a02af3b79f72b6bf4f9f?t_ref=https%3A%2F%2Fwww.google.com%2F 

1,2 Milliarden Child Care: https://www.nyc.gov/content/100days/pages/ 

EPI Childcare: https://www.epi.org/child-care-costs-in-the-united-states/#/NY 

Mamdani WM: https://www.instagram.com/p/DaqZs6zETne/?igsh=MTZ4ZGZjMnFldHR6Mg==

300.00 Kita Plätze: https://www.zeit.de/gesellschaft/2025-11/kinderbetreuung-fehlende-kitaplaetze-institut-der-deutschen-wirtschaft