Die österreichische Patriotismus-Phobie
Patriot und Nationalsozialist sind hierzulande Synonyme, und Fahnen schwingen sowieso nur irgendwelche Identitären Spinner. Ein Appell.
Wir Österreicher:innen haben ein komisches Verhältnis zu unserer Heimat. Was im Extrembeispiel den USA, aber auch in einigen skandinavischen Staaten normal ist – die Landesfahne an Gebäuden anzubringen –, ist hierzulande befremdlich. Von skeptischen Blicken bis hin zum Vorwurf, rechtsextremer Aktivist zu sein, ist alles als Reaktion denkbar. Drei kleine, selbstgebastelte Fahnen, die ich vor ein paar Jahren im Eingangsbereich eines Büros in Wien angebracht habe, haben nicht nur skeptische Blicke, sondern auch einige kleine Verhöre zur Folge gehabt. Und bevor die nächste externe Person die Räume betreten hat, wurden sie prompt entfernt.
Das finde ich schade. Dass Rot-Weiß-Rot als negative Symbolik empfunden wird, ist gegenüber dem, was Österreich heute ist, unfair. Den Ursprung der Patriotismus-Phobie würde ich zwei Tatsachen zuordnen: Einerseits ist die Gründung eines eigenständigen österreichischen Staates alles andere als unumstritten gewesen. Zwar hatte die Nationalversammlung der Ersten Republik am 12. November 1918 erklärt, dass Deutschösterreich eigenständig und unabhängig sei, im gleichen Atemzug aber eine Verfassung verabschiedet, deren Artikel 2 lautete: „Deutschösterreich ist ein Bestandteil der Deutschen Republik”. Es gab kein Vertrauen darin, dass sich Österreich alleine über Wasser halten könne. Die Nation wurde als Übergangslösung betrachtet, damit fehlte von Tag eins an jeder Grund, um sich mit Österreich zu identifizieren. Andererseits ist unsere Geschichte durch nationalsozialistische Verbrechen befleckt, und das unveränderlich. Dass man 1946 nicht gerade begeistert war, die Fahne eines Staates zu schwingen, der mitverantwortlich für die Ermordung von Millionen Menschen war, ist klar.
Diese Untaten und Unsicherheiten sind Teil unserer Geschichte, aber nicht das, womit man das Österreich des 21. Jahrhunderts definieren sollte. In den letzten 80 Jahren ist nicht nur viel Wasser die Donau hinuntergeflossen, es ist ein neuer Staat entstanden. Erlaubt man sich den Schritt zurück aus dem politischen Tagesgeschäft und betrachtet Österreichs Entwicklung über die Jahrzehnte, ergibt sich ein durchaus von Erfolg geprägtes Bild. Aus den Trümmern des Krieges ist ein Land entstanden, in dem Sicherheit, Wohlstand, Freiheit und Chancen gegeben sind – darauf darf man schon stolz sein!
Dieses Land zu mögen, heißt nicht, jede politische Entscheidung, jede:n Staatsbürger:in, jede schiache Gasse oder jede Institution zu mögen. Es geht darum, Österreich als Ganzes, mit seinen Menschen, seinem Gebiet und seinen (sozialen) Systemen positiv zu empfinden. Oder, wie es Johannes Kahrs, ein ehemaliger SDP-Politiker, in der Parteizeitung “vorwärts” Anfang 2019 in seinem Artikel “Wie ein aufgeklärter Patriotismus die Demokratie schützt” ausdrückte:
„Patriotismus meint dabei nicht nur den Stolz auf eine reichhaltige Kultur, auf Sprache, Kunst, Literatur, Musik, auf ein blühendes, schönes Land, sondern auch und gerade auf das, was Demokratinnen und Demokraten in Deutschland geschaffen haben: eine offene, tolerante und plurale Gesellschaft, die jedem auf Grundlage des geltenden Rechts erlaubt, seine Lebensweise zu wählen, seine Meinung frei zu äußern und nach dem individuellen Glück zu streben.”
Ich denke, dieser Ansatz trifft auch auf Österreich zu. Bei aller berechtigter Kritik an unseren Systemen – größtenteils funktionieren sie! Nicht immer, und schon gar nicht effizient, aber: Unsere Kinder gehen in die Schule, und wer sich sein Bein bricht, bekommt einen Gips. Mag sein, dass das das Mindeste sei, aber wann war das in 300 000 Jahren Menschheitsgeschichte schon gegeben?
Sich als Patriot zu bezeichnen, muss also nicht an dem Unwillen, sich mit Österreich zu identifizieren, scheitern. Was meist das viel größere Hindernis darstellt, ist das, was sich viele unter einem patriotischen Fahnenschwinger vorstellen: einen Rechtsextremen.
Der Gedanke ist naheliegend. Wenn es eine Partei gibt, bei der man auf einem Parteifest sicher sein kann, rot-weiß-roten Stoff zu finden, dann ist es die FPÖ. Auch bei Demonstrationen und Kundgebungen rechter und rechtsextremer politischer Lager wird öfter die Landesfahne mitgetragen als bei Veranstaltungen anderer politischer Strömungen. Sie nutzen den Patriotismus als Mittel der Bindung – woran ich nichts auszusetzen habe –, biegen ihn dann aber ihrer ausgrenzenden Ideologie entsprechend zurecht, und verbreiten damit mehr Hass als Liebe. Es geht dann nicht mehr darum, stolz auf eine freie, tolerante Gesellschaft zu sein, sondern „sich”, die Österreicher:innen, klar von „denen”, den Migrant:innen und Ausländer:innen, abzugrenzen. Gemeinsam an einem Strang ziehen wird zu einem „wir” gegen „sie”.
Als aufrichtige Bürger:innen, die eine solche Abgrenzung ablehnen, stehen wir in der Verantwortung, jenen, die Patriotismus mit Hass leben, nicht die Definition des Begriffs zu überlassen. Oder anders: Wenn demokratische Menschen Patriotismus aus Angst vor Nationalismus aufgeben, überlassen sie den Begriff den Nationalisten. Warum sollte man ihn für Ausgrenzung und nicht gesellschaftlichen Zusammenhalt nutzen? Patriotismus muss als Mittel begriffen werden, das Menschen vereint und an Demokratie und damit unsere Republik, bindet. Demokratie kann ohne Heimat nicht funktionieren. Patriotismus erinnert uns im politischen Tagesgeschäft daran, dass wir trotz aller Meinungsverschiedenheiten im selben Boot sitzen und alle das Gleiche anstreben sollten: In Österreich Gutes zu schaffen und zu schützen.
Ich schlage also vor, dass wir beginnen, stolz darauf zu sein, was wir schon geschafft haben, und uns darüber freuen, gemeinsam, frei und demokratisch das Projekt Österreich weiterzuführen. Und vielleicht die eine oder andere Fahne zu hissen.
Weiterführende Ressourcen
https://www.vorwaerts.de/meinung/wie-ein-aufgeklarter-patriotismus-die-demokratie-schutzt
https://www.parlament.gv.at/verstehen/historisches/1918-1945/geburt-der-republik/index.html