EU Inc.
Eine optimistische Perspektive auf die Zukunft der europäischen Startup-Szene.
Wieso sind viele vermeintlich europäische Startups in Wahrheit durch ausländischen Einfluss geprägt? Ist es möglich, als Unternehmen rein in der EU zu skalieren? Eines ist klar, mit dem Status Quo kann es nicht weitergehen.
Wenn ich in Österreich ein Startup gründe und ein französischer Investor einsteigen möchte, muss dieser zuerst den gesamten österreichischen Prozess rundherum aufarbeiten, sich mit österreichischem Recht, amtlichen Prozessen und Gründungskultur auseinandersetzen, bevor er in das Unternehmen investieren kann. Das bindet Personal, Kapital und vor allem Zeit.
Zusätzlich wird ein Startup in einem realistischen Szenario jedoch nicht einen einzelnen Investor anzielen, sondern versuchen, sein benötigtes Kapitel in einer Seed-Round zu gewinnen. Wer das auf europäischer Ebene machen will, muss jeden potenziellen Investor aus Frankreich, Slowenien, Dänemark und Belgien überreden, sich mit den österreichischen Systemen, Prozessen und Gesetzen auseinanderzusetzen. Jeder Euro, der von einem EU Mitgliedsstaat in den nächsten fließt, muss das Risiko und den Aufwand tragen, sich in rechtlich völlig unbekannten Gewässern zu bewegen.
Viele Gründer:innen in Europa sehen diese Probleme und entscheiden sich, ihre Unternehmen in den USA, vor allem in Delaware, zu gründen. Mit einheitlichen, US-weiten, digitalen Prozessen, bekannten Vorgängen für Investitionen und Vertrautheit mit Investor:innen wirkt die US-Variante für Gründer:innen wesentlich attraktiver. Dadurch fließt Steuergeld, Kontrolle und geistiges Eigentum über den Atlantik.
Die Antwort auf diese Probleme wurde von Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen im März 2026 aufgegriffen: EU Inc. Die Idee ist einfach: eine neue, einheitliche europäische Rechtsform. Neben großen Erleichterungen im Gründungsprozess wie Online-Registrierung binnen 48 Stunden, einem benötigten Startkapital unter EUR 100, und digitalen Anteilsübertragungen, macht die EU Inc. vor allem eines: Sie katalysiert die Skalierung von Unternehmen innerhalb der Europäischen Union.
“Continental scale is our greatest asset in a world of giants.”
Ursula von der Leyen, Präsidentin der Europäischen Kommission
Wichtig hierbei ist es, dass der Ort der Registrierung des Unternehmens keine Auswirkung auf den tatsächlichen operativen Sitz hat. Wenn ich meine EU Inc. in Estland gründe, aber in Österreich tätig bin, zahle ich nach wie vor österreichische Steuern und richte mich nach österreichischem Arbeitsrecht. EU Inc. trägt dadurch keine rechtlichen Schlupflöcher in der Behandlung von Mitarbeitenden zur Folge.
Wenn die EU Inc. in dieser Form umgesetzt wird, haben Startups sofort die Möglichkeit, den Binnenmarkt der EU zur Gänze auszunutzen und große Finanzierungsrunden innerhalb der gesamten Union durchzuführen. Sie haben Zugriff auf das gesamte Investment-Kapital der EU und können somit um ein Vielfaches effizienter skalieren. Dafür braucht es als wichtigstes Merkmal eine EU-Verordnung, keine Richtlinie. Eine Verordnung müssten alle 27 Mitgliedsstaaten in der Fassung in ihr nationales Recht integrieren, somit wäre tatsächlich eine EU-weit einheitliche Rechtsform geschaffen. Wenn die EU Inc. nur als Richtlinie gelten würde, läge es in der Verantwortung der Mitgliedstaaten, eigene Gesetze zu entwerfen, wodurch 27 verschiedene Versionen der EU Inc. entstehen würden. Der europäische Markt würde in seinem fragmentierten Zustand verweilen.
Das Bemerkenswerteste am Entstehungsprozess der EU Inc. ist, dass die Idee nicht aus Brüssel kam, sondern von Gründer:innen in Europa, eine sogenannte Grassroots-Bewegung. Menschen, die selbst Probleme auf unserem Kontinent erkannt haben und sich entschieden haben, etwas daran zu ändern. Besonders wichtig war und bleibt hier die Kampagne EU-INC (eu-inc.org), die letztendlich auch maßgeblich an der Namensgebung der neuen Rechtsform beteiligt war. Durch kontinuierlichen Lobbyismus in Brüssel setzen sie sich dafür ein, dass europäische Gründer:innen die Werkzeuge bekommen, die sie verdienen.
Die Kampagne sorgt nicht nur in Brüssel für Aufmerksamkeit, sie schafft eine völlig neue Art des Lobbyismus in europäischen Startups. Auf sozialen Medien, durch YouTube Videos und eigenem Merch bringt die Gruppe Europäer:innen, allen voran Gründer:innen, diese wichtige Bewegung näher. Die Persönlichkeiten dahinter zeigen deutlich auf, dass wir in Europa die Menschen, die Energie und das Wissen, aber nicht die Einheitlichkeit für eine global wettbewerbsfähige Startup-Landschaft haben.
Ich selbst habe das erste Mal durch ein YouTube-Video der Kampagne von EU Inc. erfahren und konnte dadurch diese wichtige Kampagne kennenlernen. Als junger, optimistischer, überzeugter Europäer füllt mich die Idee einer einheitlichen Lösung für die Zukunft der Startups unserer Union mit Hoffnung und vor allem Motivation. Motivation zu bauen, Motivation zu skalieren und Motivation zu motivieren.
EU Inc. bietet uns die Möglichkeit, nicht mehr österreichische, französische oder dänische Gründer:innen, sondern wahrhaftig europäische zu sein – ergreifen wir diese.
Weiterführende Ressourcen
https://www.eu-inc.org/position-paper