Girlboss oder Gottesfrau, zwischen Freiheit und Unterordnung
Zwischen Kreuz und Klicks, Glaube und Glamour, Predigt und Privileg: Influencer:innen präsentieren ein Leben zwischen Jesus, Selbstbestimmung und Luxus – doch wie viel Doppelmoral steckt wirklich dahinter?
Während es früher Tanzvideos, Vlogs und scheinbar harmlose Pranks waren, sind es heute vor allem zwei Extreme, die um die Aufmerksamkeit von Jugendlichen konkurrieren.
Kaum unterschiedlicher könnten die beiden Bewegungen sein, die aktuell für einen Bruch in den sozialen Medien sorgen und die gesellschaftliche Entwicklung der Zukunft nachhaltig verändern werden.
Zwischen der modernen “Brat-girls”-Bewegung und der der religiösen “Tradwives” stehen nicht nur kulturelle und familiäre Unterschiede, sondern auch Jahrzehnte lange gesellschaftliche, politische und feministische Entwicklungen.
Doch warum scheint gerade die konservative, teilweise antifeministische, Tradwife-Bewegung an Popularität zu gewinnen, obwohl immer noch 33.000 Mädchen täglich vor ihrem 18. Lebensjahr verheiratet werden, Frauen in Afghanistan öffentlich nicht mehr sprechen dürfen und Millionen von Frauen ihr Leben im Kampf gegen das Patriarchat verloren haben? Und wie viel finanzielle Propaganda steckt hinter “Christfluencern” und dem “Jesus-Glow” wirklich?
Der “Jesus Glow” bezeichnet einen viralen Social-Media-Trend, bei dem junge Menschen in Vorher-Nachher-Videos behaupten, durch ihren christlichen Glauben und ein gottzentriertes Leben innerlich und äußerlich aufgeblüht zu strahlen.
In den vergangenen Jahren fand ein Wandel in unserer Gesellschaft statt. Bewegungen wie “Intersectional Feminism”, die “Women’s Liberation Movement” bis hin zur heute aktuellen “Me-Too-Bewegung” prägen die Politik der vergangenen Jahrzehnte und stellten bestehende Geschlechterrollen zunehmend in Frage.
Heute sind dabei aber nicht nur die Themen selbst, sondern auch die Orte und der Rahmen, in welchem Diskussionen abgehalten werden, von großer Bedeutung.
Besonders in den letzten Jahren entwickelte sich das wohl bedeutsamste Instrument des modernen Informationsaustauschs: das Aufkommen der sozialen Medien ermöglicht, das Diskutieren zentraler Themen mit Menschen aus verschiedensten demographischen Gruppen, verteilt auf der ganzen Welt.
Mit der immer größer werdenden Bedeutung der sozialen Medien wachsen aber auch die Möglichkeiten, vor einer breiten Masse, in weiten Teilen des Westens, vermeintlich bereits überwundene Geschlechterfragen neu aufzurollen.
Besonders bei jungen, in ihren Meinungen und moralischen Werten noch ungefestigten, Menschen können soziale Medien einen erheblichen Einfluss auf die Wahrnehmung gesellschaftlicher Normen haben.
Dass Social Media auch einen Raum für zahlreiche zwielichtige Gestalten bietet, ist der heutigen Bevölkerung durchaus bewusst. Vergessen werden aber die latenten Bedrohungen, die sich hinter jungen attraktiven Frauen mit Millionen von Followern verstecken.
Annika.eks, ihr Freund Marvin.hanneke, Estefaniaaelisa, LenaGlams und Millane sind nur ein paar der deutschsprachigen Influencer:innen, die öffentlich über ihren Glauben sprechen.
Doch während Marvin.hanneke beispielsweise auf Pride-Paraden oder im Berghain mit religiösen Ansprachen auf sich aufmerksam macht, setzt seine Freundin sich öffentlich für Frauenrechte ein und macht insbesondere auf fehlende Forschung zu Endometriose aufmerksam.
Gleichzeitig zu der wichtigen Message, für die sie ihre Reichweite hier nutzt, findet man auf ihren Social-Media-Seiten regelmäßig Bibelverse und Glaubenssätze.
Dabei stellt sich die Frage, wie sich der Einsatz für die Gleichstellung der Frau mit christlichen Glaubensinhalten vereinbaren lässt, wenn in 1. Mose 3,16 “Dann sprach er zu der Frau: “Mit großer Mühe und unter Schmerzen wirst du Kinder zur Welt bringen. Du wirst dich nach deinem Mann sehnen, doch er wird über dich herrschen”, die mit dem weiblichen Zyklus in Zusammenhang stehenden Schmerzen, als Teil von Evas Bestrafung für das Essen der verbotenen Frucht dargestellt werden.
Eine noch deutlichere Ausprägung dieser Verbindung von Glauben und Alltag, insbesondere ihrer Karriere, zeigt sich bei Influencerin Millane, die neben ihrer erfolgreichen Social-Media-Laufbahn, ihre TikTok-Followerschaft liegt bei 7,1 Millionen Menschen, ihr eigenes Modelabel gegründet hat, welches seit einigen Jahren regelmäßig neue Kollektionen veröffentlicht.
Mit ihren Kollektionen und dem Motto der Marke “embracing modesty in a modern world” möchte Millane zeigen, dass sittsame Mode nicht langweilig sein muss.
Für Millane ist “modesty” aber nicht nur Teil ihrer Marke, nein, die 24-Jährige hat ihr Leben und Vertrauen, laut eigenen Aussagen, gänzlich in die Hände Jesus gelegt, wodurch sie ihm auch einen beachtlichen Teil ihres Erfolges zuschreibt. Doch ist wirklich Jesus für ihr Einkommen und den Umsatz ihrer Marke verantwortlich?
Vor etwa einem Jahr waren Millane und ihr Ehemann Gäste des REALMODEL-Podcasts, in dem das junge Ehepaar, zusammen mit den Hosts, nicht nur etliche fragwürdige Aussagen im Hinblick auf feministische und politische Ansichten tätigte, sondern auch klarmachte, dass sie ihre Hauptaufgabe in unserer Gesellschaft darin sehen, Menschen zu Jesus, “der Weg, die Wahrheit und das Licht”, zu führen.
Aber ändert sich der Glaubenskurs neuer Generationen wirklich so schnell, wo es doch früher eher ältere Leute waren, die sich durch ihren Glauben auszeichneten?
Ja, denn aktuelle Studien zeigen, dass vor allem in den letzten Jahren ein erkennbarer Anstieg der Religiosität vor allem unter Jugendlichen stattgefunden hat. Aber darf man sie dafür verurteilen?
Göttern und göttlichen Erscheinungen begegnen wir im Laufe der Menschheitsgeschichte von Anfang an. Es sind zwar nicht immer dieselben Götter, an die wir glauben, doch sind es häufig ähnliche Motive, die uns in ihre Arme treiben.
Zeiten der Unsicherheit, der Kriege und die damit einhergehende Hoffnungslosigkeit, sind nur ein paar der Themen, die aktuell vielen Menschen Angst machen. Der Wunsch nach Vertrauen, das sich Politiker:innen noch nicht verdient haben, lässt junge Menschen vermehrt in ihrem Glauben nach Halt, Orientierung und einer gefestigten Rolle für ihr Leben suchen.
Doch was passiert, wenn Religion über das eigene Leben und den Bildschirmrand hinausgeht? Was passiert, wenn durch Gott nicht mehr nur geleitet, geholfen und geschützt, sondern auch manipuliert, missbraucht und getötet wird?
Weiterführende Ressourcen
- https://www.derstandard.at/story/3000000296773/immer-mehr-junge-im-westen-entdecken-den-glauben-fluechtiger-trend-oder-grosses-comeback
- https://religion.orf.at/stories/3235016
- https://ucrisportal.univie.ac.at/en/publications/rewriting-femininity-tradwives-visual-aesthetics-of-class-and-pol/
- https://www.youtube.com/watch?v=1uKVQS0MfyE
- https://www.tiktok.com/@millanethelabel?lang=en%20“embracing%20modesty%20in%20a%20modern%20world”
- https://www.tiktok.com/@annika.eks/video/7675742527344987425
- https://www.unicef.de/informieren/aktuelles/presse/-/zwoelf-millionen-kinderehen-jaehrlich/331400