Die Rabenmutter – warum Österreich in der Kinderbetreuung auch kulturell hinterherhinkt.
“Die schiebt ihre Kinder ständig in die Nachmittagsbetreuung ab. Eine richtige Rabenmutter.” - Jede:r kann sich vermutlich vorstellen, wie genau dieser Satz in einer wöchentlichen Runde des Nachbarschafts-Tratsches fällt.
Kind und Karriere? Funktioniert in Österreich nur als Rabenmutter
Der Dysphemismus der Rabenmutter existiert in der deutschen Sprache seit über 600 Jahrhunderten und geht vermutlich auf die Beobachtung zurück, dass Raben-Weibchen ihre Kinder im Nest zurücklassen, während sie auf die Suche nach Futter für ihre Küken gehen. Spannend ist hier aber weniger die Herkunft, sondern die Tatsache, dass ein derartiger Begriff in kaum einer anderen Sprache existiert1. Neben dem Deutschen gibt es lediglich eine anderssprachige Begriffsdefinition zu finden – und zwar eine Französische, in welcher jener Dysphemismus explizit als “abwertende Bezeichnung in der deutschen Sprache zur Entwertung einer Frau genutzt wird, welche eine Karriere neben ihrer Mutterschaft verfolgt. (est une expression péjorative de la langue allemande visant à dévaloriser une mère de famille jugée comme négligente envers ses enfants car elle poursuit sa carrière professionnelle en parallèle de sa maternité)
Die Zahlen in Österreich2
In Österreich sind derzeit knapp 92 % aller Männer mit Kindern unter 15 Jahren erwerbstätig, während jener Kategorie ebenso fast 80 % der Frauen mit Kindern unter 15 Jahren angehören. Der wirklich besorgniserregende Faktor ist jedoch jener der Teilzeitquote. Während diese bei Männern dieser Kategorie bei knapp unter 9 % liegt, sind es bei Frauen sogar über 72 %. Dies führt nicht nur zu kulturellen Unterschieden, worin die Rolle der Frau als “Hausfrau und Mutter” verstärkt wird, sondern vor allem auch zu finanzieller Abhängigkeit von männlichen Partnern – vor allem in der Pension.
Der kulturelle Avant-Gardist3
Wenn man zu unseren europäischen Kolleginnen und Kollegen nach Frankreich schaut, sieht es ganz anders aus. Während auch hier ein Unterschied zwischen Mann und Frau besteht, liegt die allgemeine Teilzeitquote von Frauen lediglich bei knapp 17 % (vgl. In Österreich: 49.2 %)2 – und das obwohl Frankreich eine der höchsten Geburtenraten in der ganzen EU vorweist. Das liegt vor allem daran, dass Frankreich es bisher stets geschafft hat, Kinder und Beruf kompatibler zu machen. Dies funktioniert einerseits durch mehr Betreuungsstätten, welche für ganztägiges Arbeiten der Eltern ausgelegt sind, als auch durch Elternzeit-Modelle, welche immer wieder erweitert werden, damit eben auch Väter mehr in die Verantwortung gezogen werden. Außerdem hat Frankreich bereits vor zwei Jahrzehnten eine Charta zur Verbesserung der Vereinbarkeit von Beruf und Familie einberufen, welche tausende französische Unternehmen – darunter auch Marktführer wie L’Oréal – unterschrieben haben.
Politik hilft – oder bremst ein4
Während sich Österreich ruhig einiges hiervon abschauen könnte, haben wir eher einen Bundeskanzler, welcher Kinderbetreuung gar nicht als Arbeit ansieht und somit die Verwurzelung eines veralteten, konservativ-katholischen Bildes weiter vorantreibt. Damit ist Kanzler Stocker jedoch nicht alleine: Beinahe die Hälfte der Österreicher:innen geben an, dass sie davon überzeugt sind, dass Kinder unter der Berufstätigkeit von Müttern leiden – und hierbei geht es nicht einmal konkret um Vollzeitarbeit. Wie in vielen Bereichen der Entwicklung hin zu einer liberaleren und offeneren Gesellschaft ist übrigens auch hier der Norden Spitzenreiter. In den skandinavischen Ländern können lediglich ca. 15 % dieser Aussage zustimmen.
Werden Österreicher:innen zu Rabeneltern?5
Bekanntlich stirbt die Hoffnung zuletzt. Während mittlerweile biologisch belegt ist, dass Rabeneltern tatsächlich sehr fürsorgliche Eltern sind, welche sich die Aufgaben lediglich aufteilen, folgen nun auch immer mehr jüngere Östereicher:innen diesem Kurs. Bei den 18-39 Jährigen stimmen der Aussage, dass Kinder unter der Erwerbstätigkeit der Mutter leiden würden, nämlich schon 20 % weniger zu und die Betreuungsquote von Kleinkindern unter drei Jahren ist in den letzten Jahren ebenfalls um knapp elf Prozentpunkte gestiegen. Brauchen wir in Österreich vor allem einen kulturellen Wandel mit mehr Wahlfreiheit, wie in Frankreich, oder sind wir dafür doch noch nicht bereit und brauchen eher den skandinavischen Weg mit für Väter vorgesehene, nicht an die Mutter übertragbare Karenzzeit? Dies ist und bleibt im Endeffekt eine ideologische Frage.
Quellen
- https://de.wikipedia.org/wiki/Rabenmutter
- https://www.statistik.at/statistiken/arbeitsmarkt/erwerbstaetigkeit/familie-und-erwerbstaetigkeit
- https://www.insee.fr/fr/statistiques/serie/011818647
- https://www.werteforschung.at/projekte/werte-zoom/werte-zoom-5-erwerbstaetigkeit-von-muettern/
- https://www.goethe.de/prj/zei/en/art/22351887.html