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Sonntag, 25. Oktober 2026

Meinung

Die vergessene Spaltung

Wie ein Kinofilm über den jungen Bruno Kreisky uns vor zunehmender und gefährlicher Polarisierung in der Gesellschaft retten kann.

Gregor Weiser 13. Oktober 2026

Gesellschaften fallen der Diktatur nicht von einem Tag auf den anderen zum Opfer. Die Gewalt beginnt nicht erst dann, wenn die Exekutive auf ihre eigenen Staatsbürger:innen schießt. Der Film „Bruno – der junge Kreisky“ zeigt uns diesen Prozess anhand der Zwischenkriegszeit in Wien, durch die Augen eines jungen Bruno Kreisky, und zieht einen damit in das Ambiente einer Gesellschaft, die in Zeiten des Klassenkampfes und der ökonomischen Belastung immer gewaltbereiter wird – in Wort und Tat – und den Weg für zwei Diktaturen aufbereitet.

Im Geschichtsunterricht lernen wir von der Zwischenkriegszeit in Österreich, im Vergleich zur Zeit des Nationalsozialismus, sehr wenig. In meiner Erfahrung bestand der Unterricht über diese Periode aus einer PowerPoint-Präsentation mit den Schlagworten „Verlust des 1. WK“, „Hyperinflation“, „Ständestaat“, „Februarkämpfe“, „Anschluss“ und, wenn noch Zeit war, eine kurze Dokumentation über den Austrofaschismus unter Dollfuß und am Ende der Stunde die Rede Kurt Schuschniggs mit den Schlussworten „Gott schütze Österreich“. Was wir jedoch nicht lernen, ist wie die Menschen untereinander waren und wie es sich angefühlt haben muss, in diesen unsicheren Zeiten zu leben. 

Der Film „Bruno – der junge Kreisky“ füllt genau diese Lücken. Er zeigt genau das, was in Dokumentationen schwierig darzustellen ist. Durch schauspielerische Veranschaulichung der täglichen Erniedrigungen gegenüber der jüdischen, sozialdemokratischen und sozialistischen Bevölkerung, der gesellschaftlichen Division durch den Schutzbund und die Heimwehr und schließlich die Szenen der Februarkämpfe fühlt man, wie gefährlich Polarisierung in einer Gesellschaft sind.

In politisch durchaus aufwühlenden Zeiten wie unseren, wo Menschen sich in alle Richtungen polarisieren, die Kompromissbereitschaft zu verschwinden droht und Menschen immer gewaltbereiter werden, gab es kaum einen besseren Zeitpunkt für diesen Film. Nicht durch bekannte Szenen des großen Einmarsches, die in sich schlimm genug sind, sondern durch genau diese „alltägliche Gewalt“ merkt man, wie gefährlich es ist, sich in einer Gesellschaft für das Eine oder Andere zu radikalisieren. Sobald die Kompromissbereitschaft verloren geht, ist der Weg zum Absolutismus gelegt. Viele Österreicher:innen, die mit der jetzigen politischen Landschaft unzufrieden sind und die Schwierigkeit unserer Zeiten in ihrer Geldbörse spüren, werden durch populistische Politiker:innen auf sozialen Medien polarisiert, weil ihnen verkauft wird, dass die Antworten auf unsere Umstände ganz einfach sind. Diese Leichtgläubigkeit, mangelnde kritische Infragestellung und daraus resultierende Polarisierung ist sehr gefährlich, ein Blick durch die Augen eines jungen Bruno Kreisky zeigt das klar und deutlich. Die Zeit zwischen 1918 und 1938 liegt aber mittlerweile ein Jahrhundert zurück und wirkt für uns abstrakt, wir haben keinen wirklichen Bezug mehr dazu, was zu einem gefährlichen Vergessen des Vergangenen führen kann. Genau deshalb ist es wichtig, sich heute mit Geschehnissen von damals auseinanderzusetzen. Hier rede ich nicht von Detailwissen über die Frontenverschiebungen in den Weltkriegen oder die Jahreszahlen verschiedener politischer Ereignisse und auch nicht von Dokumentationen, die strenge Männer in dunkler Uniform einmarschieren zeigen. Die Kunst, in diesem Fall die Schauspielkunst, bietet uns eine einzigartige Perspektive in die Umstände der Vergangenheit, die sehr wohl auf Fakten basiert, aber viel wichtiger die Emotionen der Zeit vermittelt. Nur so werden die dunkelsten Jahre der österreichischen Geschichte für uns heute greifbar, und nur so können wir hoffen, aus Vergangenem zu lernen, damit sich die Geschichte nicht wiederholt. Dieser Film reißt einen zurück und demonstriert, wieso es so wichtig ist, dass wir diese Zeit niemals vergessen. Er zeigt uns, dass langsame gesellschaftliche Polarisierung, die Verfeindung der „Einen“ gegen die „Anderen“ nicht von einen Tag auf den nächsten geschieht, sondern sich langsam wie Gift in der Bevölkerung verbreitet, bis es schlussendlich zu spät ist und der erste Schuss fällt. 

Der Effekt, den wir heute oft mit dem Kult, der sich um Politiker:innen online bildet, sehen, ist keineswegs neu. Eine Szene mit sehr viel Bedeutung ist jene, als Kreisky aufgrund seiner sozialdemokratischen Tätigkeit unter der Dollfuß-Diktatur in Untersuchungshaft sitzt. Hier teilt er sich mit einem Nationalsozialisten und einem Kommunisten eine Zelle und sagt „Du hast deinen Hitler, du deinen Stalin, und ich habe niemanden!“. Das zeigt, wie polarisiert die Menschen waren und wie sehr sich die politischen Anführer der jeweiligen Lager Führerkulte gebildet haben.

Ich appelliere an alle Menschen, egal ob alt oder jung, politisch interessiert oder nicht, diesen Film anzuschauen. Er zeigt uns, was passiert, wenn eine Gesellschaft der Polarisierung zum Opfer fällt und zeigt uns, dass wir uns aus dem Gewässer unserer spaltenden Zeiten retten müssen, bevor es zu spät ist. Ich hoffe zutiefst, dass dieser Film in Zukunft das Faktenwissen im Geschichtsunterricht ergänzt und die Schüler:innen fühlen lässt, wie es damals war. Denn nur durch Verstehen des Vergangenen können wir eine Wiederholung verhindern.