6, 8, oder doch 9 Monate absitzen? Warum die Debatte über eine Verlängerung des Wehrdienstes aktuell fehl am Platz ist.
“Wir machen Österreich sicherer!” Während das politisch super klingt, und eine Verlängerung des Grundwehrdienstes vor allem bei der älteren Bevölkerung gut ankommt, muss der erste Schritt ein anderer sein: Ein Blick auf die Qualität der Ausbildung!
Zweiter Tag Grundwehrdienst, Dienstagvormittag: Um 10:55 der Abschluss der 3. Ausbildungseinheit des Tages, um 11:00 beginnt die nächste. Dazwischen einmal in die Unterkunft, drei Stockwerke rauf, eine andere Uniform anziehen, den Rucksack umpacken, schnell auf die Toilette gehen, runter sprinten, gerade noch pünktlich ankommen und schon geht die Ausbildung weiter.
Wer sich die erste Woche im Grundwehrdienst anschaut, bekommt bei den meisten Einheiten das Bild, die Ausbildung verläuft genauso wie man es sich erwartet. Angehende Soldat:innen werden auf Schnelligkeit, Genauigkeit und Befehlsgehorsam gedrillt, die Dienstzeiten sind lang, und viel geht voran. Aber leider: Eine Momentaufnahme.
Denn wer sich über die Folgemonate die Ausbildung der Grundwehrdiener anschaut, der wird leider nur allzu oft enttäuscht. Nach der sogenannten Basisausbildung-Kern (BAK), die Grundwehrdienern einen Einstieg ins Soldatenleben mit allem was dazu gehört (Packen, Marschieren, Stellungen bauen, Scharfschießen, etc.) gibt, flacht die Ausbildungskurve leider rasant ab. Daher auch die These dieses Meinungsartikels:
Die Verlängerung des Grundwehrdienstes oder die Einführung verpflichtender Milizübungen können erst mit einer weitgehenden Professionalisierung und einer langfristigen Qualitätssicherung Wirkung entfalten.
Die aktuelle politische Debatte geht daher am Thema vorbei.
Beleuchtet man einige Kernbereiche des Grundwehrdienstes genauer, wird schnell klar wie es zu dieser These kommt:
Der Personalmangel: Es fehlt an allen Ecken und Enden an Ausbildner:innen sowie Unterstützungspersonal.
In einer als Fallbeispiel herangezogen Kompanie fand sich folgendes Personal durchgehend verfügbar:
Der Kommandant sowie 5 Fachunteroffiziere (Fachunteroffiziere übernehmen verschiedene notwendige organisatorische Aufgaben)
Folgendes Personal war nicht dauerhaft besetzt, bzw. musste durchgewechselt werden, was Ressourcen anderer Stellen beansprucht hat:
Die Kommandanten (sowie die Stellvertreter) der Züge & Gruppen (kleinere Einheiten), insgesamt 30 wären geplant, sowie ein weiterer Fachunteroffizier
Folgende Stellen waren nicht besetzt, diese Aufgabenbereiche mussten daher vollständig von anderen, bereits eingebundenen Kadersoldaten übernommen werden:
Der stv. Kommandant sowie ein weiterer Fachunteroffizier
Während diese Auflistung den meisten nicht allzu viel sagen wird, ist sie hoffentlich zumindest zahlenmäßig ein Mittel, um den Personalmangel zu verdeutlichen. So waren von den geplanten 28 Posten die für den Erhalt einer GWD-Kompanie für Kadersoldaten vorgesehen sind, gerade mal 6 dauerhaft besetzt, 31 waren nicht dauerhaft besetzt bzw. wurden durchgewechselt, und 2 Stellen waren über die 6 Monate hinweg gar nicht besetzt. Dies führt einerseits dazu, dass unerfahrenere & unqualifiziertere Soldat:innen schneller Ausbildungs/Erhaltungsposten übernehmen müssen, worunter die Qualität der Ausbildung leidet, und andererseits zum zweiten Problem:
Die Stehzeiten: Während damit einerseits tatsächlich Zeiten gemeint sind in denen Grundwehrdiener am Gang, am Antreteplatz, neben ihrem Gepäck oder an unzähligen anderen beliebigen Plätzen stehen, versteht man darunter weitergefasst alle Zeiträume, in denen Grundwehrdiener in der Dienstzeit keine (sinnvollen) Aufgaben versehen oder ausgebildet werden.
Diese „tote Zeit“ gliedert sich in zwei Kategorien: Die erste sind größere Zeitabschnitte, wo teilweise mehrere Stunden mit sinnbefreiten Tätigkeiten bis zum tatsächlichen herumsitzen verbracht werden, wie man es in vielen Kasernen jeden Freitag sieht. Die zweite ist oft unauffälliger, es sind unzählige „kleine“ Ineffizienzen. So werden etwa fast immer 100 Leute gleichzeitig Essen geschickt, in einer Küche, die vielleicht 25 Leute auf einmal bedienen kann. Eine andere Standardsituation ist beispielsweise, dass sich alle Grundwehrdiener alphabetisch aufstellen müssen um zu bestätigen, dass sich ihre Waffen während der Woche nicht in Luft aufgelöst haben, nur um dann 40 Minuten später wieder langwierig alphabetisch aufgerufen zu werden, um sich Zettel abzuholen. Man könnte hier noch unzählige weitere Beispiele nennen, aber ich denke, es ist klar, was der Absatz ausdrücken soll.
Der dritte große Kritikpunkt, den ich hier, wenn auch nur kurz, anschneiden werde, ist die fast lächerlich weitreichende Desorganisation, die in fast jeder Ebene des Bundesheeres besteht. Grundsätzlich redet keine Dienststelle mit einer anderen, Informationen gehen öfter verloren, als das sie ankommen, und die standardmäßige Antwort auf Fragen, Kritik oder Verbesserungsvorschläge ist: „Des woar scho immer so“ und „Heast du bist GWD, du bist zum Machen da, nicht zum Denken.“ Da dieser Punkt jedoch einen ganz eigenen Artikel verdient, werde ich hierauf jetzt nicht genauer eingehen.
Da ich das Fazit/die These dieses Artikels schon relativ gegen Anfang gezogen habe, zum Schluss stattdessen kurz versöhnende Worte: Während all diese Kritikpunkte echte Probleme darstellen, hat das Bundesheer auch einen ganz besonderen Charme, und viele motivierte Leute, die es gerne besser sehen würden. Reformen sind dringend notwendig, aber auch möglich, und finden diese statt, finden sich hoffentlich irgendwann auch wieder mehr Leute, die nicht nur aus Pflicht, sondern auch Motivation und einem gesunden Stolz auf Österreich den Staatsdienst im Bundesheer verrichten.