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Sonntag, 25. Oktober 2026

Meinung

​​92 Jahre Mord an Dollfuß: Braucht es ein Denkmal?

Konstantin Tuczka 8. August 2026

25.Juli, 1934, 12:53, 150-160 SS-Männer und österreichische Nationalsozialisten, viele von ihnen verkleidet in Uniformen des Bundesheeres und der Polizei, stürmen das Bundeskanzleramt. Ihr Ziel: die Regierung Engelbert Dollfuß zu stürzen. Dollfuß wurde über vermeintliche Putschpläne im Vorhinein bereits informiert. Daher beendete dieser die laufende Ministerratssitzung und zog sich mit seinen Kollegen Emil Fey und dem Staatsekretär für Sicherheit Karl Karwinsky in sein Büro zurück.

Als Dollfuß mitbekam, dass Putschisten im Gebäude waren, versuchte dieser durch eine geheime Wendeltreppe, die ins Staatsarchiv führt, zu flüchten. Am Weg dorthin schneidet sich sein Weg mit jenem des SS-Kommandos. Dollfuß stößt mit Otto Planetta zusammen. Die beiden geraten in ein Handgemenge. Plötzlich löste sich ein Schuss von Planettas Waffe. Die Kugel traf Engelbert am Hals und durchschlug seine Wirbelsäule. Der Kanzler brach zusammen und wurde auf ein Sofa im Bundeskanzleramt abgelegt. Langsam verblutet Engelbert Dollfuß, am Abend des 25. Julis ist Dollfuß tot. Priester und Arzt bleiben dem frommen Katholiken verwehrt. 

Der von den Nationalsozialisten eingenommene staatliche Rundfunk RAVAG wird von dem Bundesheer zurückerobert. Die Aufstände, die in den Bundesländern ausgerufen wurden, wurden erfolgreich niedergeschlagen. Die Ordnung war wiederhergestellt und Justizminister Kurt Schuschnigg übernahm das Amt des Kanzlers. Doch eigentlich hat mit dem Mord an Dollfuß die letzte Stunde des unabhängigen Österreichs geschlagen. Vier Jahre später kam es zum “Anschluss”.

Die Gründe, warum der schlecht koordinierte Putsch letztlich gescheitert ist, sind vielfältig, aber darum soll es hier gar nicht gehen. Vielmehr über Dollfuß und seine heutige Rezeption. Wir müssen über die Geschehnisse, die Ende Juli 1934 passiert sind, nachdenken und sprechen. So manch einer sieht das Ende der ersten Republik mit dem Ausruf des Ständestaates und bezeichnet Dollfuß polemisch als Totengräber der Republik. Andere schlüpfen in die altbekannte österreichische Opferrolle und sehen den “erzwungenen” “Anschluss” als letzte Stunde der Alpenrepublik. Doch vielleicht greift man mit diesen beiden Thesen ein wenig zu kurz. 

Eines ist aber festzuhalten: Dollfuß hat im Widerstand zum Nationalsozialismus sein Leben gelassen, dennoch war er kein demokratischer Kanzler. Es ist daher unverständlich, warum es kein Denkmal und keine Gedenkzeremonien gibt. Denn die Frage, ob es ein Dollfuß Denkmal braucht ist durchaus berechtigt. Claus Schenk Graf von Stauffenberg, der Offizier, der 1944 ein Attentat auf Hitler plante, wurde nach dem gescheiterten Putsch erschossen. Dollfuß ist genauso eine tragende Persönlichkeit des Widerstandes, die für ihre Überzeugungen und ihren Widerstand märtyrern. 

Für Stauffenberg finden jährlich Kranzniederlegungen statt, wo führende Politiker, häufig auch der Bundeskanzler Deutschlands, eine Rede halten. Stauffenberg und die Offiziere um ihn gelten gemeinhin als Helden, die das mörderische Regime Hitlers spät, aber dennoch stürzen wollten. Sie haben geplant den Krieg daraufhin zu beenden, und eine neue Staatsform zu etablieren. Wenig bis garnichts hört man jedoch darüber, wie diese ausgesehen hätte. Der adelige Offizier und seine Gefolgschaft planten nach einer erfolgreichen Machtübernahme, einen autoritären Übergangszustand zu errichten. Erst nach geraumer Zeit wäre ein konservativer, föderaler und christlich geprägter Rechtsstaat, der von einer elitären Staatsführung getragen und vom Militär gestützt werden sollte, angebracht. Vorerst sollte das Diktat herrschen. Da sieht man eindeutig Parallelen zu Dollfuß. Dr. Engelbert Dollfuß plante anfänglich nur für eine Übergangsphase alleine zu regieren, da sich das Parlament durch die Rücktritte der drei Nationalratspräsidenten “selbstausschaltete” und nicht mehr funktionabel war. Schließlich war die Lage in Österreich in den 30ern so instabil durch die Militarisierung der bewaffneten Armeen der Parteien, dass ein Ausnahmezustand herrschte, der aus Sicht der Regierung nur durch eine autokratische Führung Sicherheit garantierte. Beide Männer unterschieden sich zwar hinsichtlich ihrer historischen Situation, doch ihre politischen Zukunftsvorstellungen waren in wesentlichen Punkten konservativ und autoritär geprägt.

Wäre der Anschlag des Grafen Stauffenbergs auf Hitler geglückt, hätte der Erzkonservative katholische Offizier in Deutschland vielleicht eine ähnliche Staatsform etabliert. Man könnte fast meinen, dass Dollfuß das erreicht hat, was Stauffenberg plante, aber sehr zu Gunsten seines Images nicht so weit kam und post mortem relativ unumstritten als Held des Widerstandes gegen Hitler gilt.

Es liegt an uns Österreichern, dass wir über unseren Schatten springen und unsere Parteifärbung reinwaschen und Dollfuß gemeinsam trotz seiner antidemokratischen Makel als Mann des Widerstands anerkennen.

Die österreichische Erinnerungskultur sollte historische Persönlichkeiten nicht ausschließlich auf ihre Schattenseiten oder ausschließlich auf ihre Verdienste reduzieren. Dollfuß war weder Demokrat noch Nationalsozialist. Genau diese Ambivalenz verdient eine öffentliche Auseinandersetzung. Die Frage, ob man ein Denkmal, oder zumindest eine Ausstellung, für Dr. Engelbert Dollfuß machen sollte, ist durchaus berechtigt. Er war eine zentrale Figur des Widerstands gegen Hitler, mit dem man sich durchaus auseinandersetzen sollte. 

Solange es den Dr. Karl-Lueger-Platz sowie eine Statue von dem ehemaligen Bürgermeister und glühendem Antisemiten gibt, der als Vorbild Adolf Hitlers gilt, gibt es keinen Grund, keinen Ort des Gedenkens für Dollfuß zu errichten. Er war eine Person des Widerstands genauso wie Stauffenberg. Natürlich soll eine Tafel angebracht werden, die den nicht demokratischen Kanzler kontextualisiert und einordnet, ähnlich wie es jetzt bei Lueger versucht wurde. Ein Denkmal bedeutet nicht zwangsläufig Zustimmung zu allen politischen Entscheidungen einer historischen Persönlichkeit. Es ordnet komplexe Biographien historisch ein.

Viele Leute wissen über Dollfuß kaum mehr Bescheid, Grund dafür ist der parteipolitische Zwist, der an der Sache immer noch wie Leim haftet. Erst 2017 entfernte die ÖVP ein Gemälde von Dollfuß aus dem Parlamentsklub. 

Es ist schwer vorstellbar, dass die Stadt Wien in nächster Zeit den oft polemisch bezeichneten Arbeitermörder Dollfuß ein Denkmal widmen wird.

Hätte Dollfuß eine versöhnendere Haltung Richtung Sozialdemokratie gehabt, wäre Österreich vielleicht stärker und einiger gegen Hitler gewesen? Widersetzte er sich wirklich aus Idealismus und Angst vor der braunen Gefahr oder doch eher aus Gründen des Machterhalts? All diese Fragen sollten wieder aufflammen, um dieses unterrepräsentierte Thema der Geschichte wieder heiß diskutiert zu machen.

Aber betrachten wir Dollfuß doch nicht immer durch die parteipolitisch gefärbten Brillen, sondern als Österreicher, der im Widerstand gegen Hitler starb und hinterfragen wir trotzdem kritisch seine Zeit als Kanzler, aber bitte tun wir eines nicht, liebes Österreich, vergessen wir ihn nicht. Ruhet in Frieden, Engelbert Dollfuß und Claus Graf Schenk von Stauffenberg sowie all jene, die dem NS-Terror zum Opfer wurden.

 

Weiterführende Ressourcen

Carsten, F. L.: Faschismus in Österreich. Von Schönerer zu Hitler. München: Wilhelm Fink Verlag, 1977.

ORF: Engelbert Dollfuß – Diktator im Kanzleramt. Dokumentation aus der Reihe Menschen & Mächte, Regie: Georg Ransmayr, Erstausstrahlung: 5. Oktober 2022, ORF 2.