Arktische Vormachtsstellung: Was ein EU-Beitritt Islands für den Kontinent bedeuten würde
Die Zukunft der Insel und der strategischen Lage der EU liegt in den Händen Brüssels. Europa muss in der ökonomisch sowie sicherheitspolitisch relevanter werdenden Region der Arktis aktiv werden, um am geopolitischen Schachspiel mitspielen zu können.
Am Samstag, dem 29. August, stimmten die Isländer über eine Wiederaufnahme von Verhandlungen mit Brüssel ab. Die Isländer stimmten mit 52,8 Prozent gegen und mit 47,2 Prozent für die Wiederaufnahme von Verhandlungen mit Brüssel. Doch warum ein Beitritt nicht nur Island als Nettozahler für den EU-Haushalt sichern würde, sondern geostrategisch für den Kontinent Europa neue Tore öffnen würde, ist vielen unklar.
Die Insel, die 100 km vom EU-Festland und 2.000 km von Brüssel entfernt ist und gerade einmal die Einwohnerzahl von Graz und Klagenfurt zählt, ist ökonomisch sowie geopolitisch höchstrelevant.
In der Arktis wirkt der Klimawandel viermal so schnell wie im Rest der Welt. Durch die Erderwärmung schmilzt das arktische Eis weg. Darunter vermutet man wertvolle Rohstoffe wie Diamanten, Gold und Nickel sowie Öl- und Gasvorkommen und Seltene Erden. Dieser Umstand lockte in letzter Zeit die Großmächte USA und China in die Region. Russland ist schon seit dem Kalten Krieg in der Region präsent.
Durch das Schwinden des Eises kommen auch neue Meeresrouten zum Vorschein. Island befindet sich mitten in einer dieser verborgenen Seerouten. Die sogenannte Nordostpassage, welche durch die Beringstraße zwischen Alaska und Russland, dann entlang der russischen Nordküste durch die Kara- und Barentssee verläuft, ist doppelt so schnell wie die herkömmliche Route durch das Rote Meer und würde Tankern aus China und Ostasien, die normalerweise den Sueskanal durchfahren, 7.000 km sparen. Neben den niedrigeren Kosten für Treibstoff vermeidet man mit dieser Route auch den unsicheren Chokepoint zwischen dem Jemen und dem afrikanischen Kontinent, Bab al-Mandab, in welchem es häufig zu Piratenangriffen auf Öltanker kommt.
Island könnte in dieser neuen Seestraße ein Knotenpunkt werden. Die Eingliederung eines derart wichtigen Ortes in die EU sollte demnächst ein geostrategisches Ziel der Union sein, denn die chinesische Reederei Sea-Legend fährt bereits routinemäßig in den Sommermonaten über die Nordostpassage nach Europa. Auch die Schiffe der südkoreanischen Hafenstadt Busan sollen künftig über die Beringsee ihr Ziel erreichen. Island liegt dabei auf der Route und bietet sich als Haltestelle an. Gerade in einer Zeit, in der die freie Seefahrt durch die Revolutionsgarden oder die US-Navy in Hormus beeinträchtigt wird und Mautzahlungen für Meerengen verhandelt werden, würde es Brüssel ganz gelegen kommen, selbst einen Partner entlang eines maritimen Nadelöhrs zu haben.
Nach einem Unionsbeitritt Islands würde Norwegen als einziger skandinavischer EU-Außenseiter alleine dastehen. Das würde wiederum die Debatte über einen Beitritt des ölreichen und militärisch mächtigen Landes anregen und womöglich den Stein für Verhandlungen mit Brüssel wieder ins Rollen bringen.
Zusammen mit Montenegro und Albanien könnte die EU bald 30 Staaten zählen und in der derzeitigen multipolaren Welt ein ernstzunehmender Akteur werden, der durch einen Beitritt Islands auch in einer militärisch wichtigen Region Präsenz zeigen würde. Die Insel ist zwar NATO-Mitglied, verfügt aber über keine eigene Armee. Bis 2006 waren jedoch durch das Militärbündnis amerikanische Soldaten in dem Land stationiert. Die Luftverteidigung erfolgt derzeit primär durch belgische F-16-Kampfjets in Keflavik, also durch die Streitkräfte eines EU-Gründungsmitglieds. Die strategische Lage der sogenannten GIUK-Lücke (Grönland, Island, Vereinigtes Königreich) ist für Truppenverlegungen der NATO sowie Russlands bedeutsam, da es sich um einen maritimen Engpass zwischen den Färöer-Inseln und Island handelt, der den arktischen mit dem atlantischen Ozean verbindet. Von dort würden in einem Konfliktfall russische U-Boote in den Atlantik gelangen, um die Verbindung zwischen Nordamerika und Europa zu stören. Eine EU-Präsenz dort hat also auch militärischen Nutzen und würde im Ernstfall feindliche Verlegungen durch die Arktis aufhalten bzw. frühzeitig erkennen können.
Die Region ist aufgrund der territorialen Gelüste der USA in Bezug auf Grönland, der vermehrten Präsenz russischer U-Boote sowie Luftraumverletzungen durch russische Kampfflugzeuge und zusätzlich der Präsenz der größten Marine der Welt, jener Chinas, von sicherheitspolitischen Spannungen betroffen. Vor einem Jahr hielten sich beispielsweise vermeintlich friedliche russische „Fischerboote“ an der Grenze des isländischen Hoheitsgewässers in der Nähe von strategisch wichtigen Unterseekabeln auf. Diesen Umständen geschuldet ist das Aufflammen der Diskussion darüber, ob Island ein eigenes Militär braucht, unvermeidbar.
Die nordische Insel ist bereits Teil des Europäischen Wirtschaftsraumes (EWR), und in dieser denkwürdigen Stunde stimmte das Volk gegen eine Wiederaufnahme der Beitrittsverhandlungen und somit über die Zukunft der Nation ab. Das letzte Mal scheiterten diese schon am Thema der Fischereirechte. Aber obwohl Brüssel diese Niederlage vorerst hinnehmen muss, heißt das nicht, dass die EU Island aufgeben soll. Vielleicht hat Brüssel die strategische Wichtigkeit einer Mitgliedschaft Islands erkannt und wird sich daher um einen Beitritt bemühen und nicht einfach zusehen, wie dieser Ort unter den Schirm einer anderen Großmacht gelangt.