Sahelexit: Die Welle der westafrikanischen Coups d’État, und was sie verbindet
In drei Jahren tauschen vier Staaten Westafrikas Wahlurne gegen Kalaschnikow. Ein Einblick in den territorial konzentrierten Diktatur Ruck und seine Ursachen.
Zwischen den Jahren 2020 und 2023 haben vier Länder Westafrikas – Mali, Guinea, Burkina Faso und Niger – einen politischen Wandel vollzogen: von schwächelnden demokratischen Systemen zu Militärregimes, die sich durch Waffengewalt durchsetzten und sich fortan mit Waffengewalt legitimieren. Im Jänner 2025 gingen die Juntas einen Schritt weiter. Die Sahelstaaten Mali, Burkina Faso und Niger verließen nach 50 Jahren die Westafrikanische Wirtschaftsgemeinschaft (ECOWAS), einen regionaler Zusammenschluss, der den bis dato 15 Mitgliedsstaaten einen gemeinsamen Binnenmarkt und eine Wirtschafts- und Währungsunion gewährte. [1] Elf Monate später trifft der Versuch eines Militärputsches auch Benin, ein Land, das als eine der stabilsten Demokratien der Region gegolten hat. [2]
Westafrika kommt in fünf Jahren von seinem Kurs des vorsichtigen demokratischen Progresses ab und wird zu einem Cluster mit der weltweit höchsten Konzentration an Militärherrschaften.
Dieser Kurswechsel war aber keine plötzliche Kehrtwende. Um zu verstehen, wieso diese Umbrüche diesen vier Ländern in so kurzer Zeit zugestoßen sind, muss betrachtet werden, wie hinfällig die etablierten Demokratien von Beginn an waren, wieso vorgesehene Prävention gescheitert ist und wie die Coups zusammenhängen.
Mali, Guinea, Burkina Faso (ehem. Obervolta) und Niger waren alle in Französisch-Westafrika vereinigt. Guinea erlangte mittels Referendum im Jahr 1958 als erstes Unabhängigkeit von der Kolonialmacht Frankreich [3], zwei Jahre später folgten die anderen Länder. Im Jahr 1960 werden insgesamt 17 afrikanische Kolonien unabhängig, es geht durch diese kontinentale Dekolonisierungswelle als Afrika-Jahr in die Geschichte ein.[4] Stabile Demokratien mit Parteienvielfalt folgten aber nicht. Niger war bis zum ersten Putsch 1974 durchgehend ein Einparteienstaat. Malis erste Regierung wurde 1968 vom eigenen Militär gestürzt. In Burkina Faso erfolgte der Machtwechsel jahrzehntelang durch variierende Wahlen und Putsche, zweites in der Überzahl. Auch Guinea hatte nach dem Tod des staatsgründenden Präsidenten eine Militärregierung an der Spitze. Somit lassen sich die jüngsten Revolte in ein fortlaufendes Muster einordnen, die Sahelstaaten kennen Machtwechsel auf diese Art seit ihrer Unabhängigkeit.[5]
„Echte” demokratische Wahlen mit Parteienvielfalt erreichten die Region in den Neunzigerjahren, jedoch eingeschränkt. Macht und Einfluss blieben bei dominanten Parteien oder langjährigen Staatsoberhäuptern gebündelt, die zentrale Staatsautorität drang nicht in die Peripherie und vor allem den Norden durch. Diese Machtlücken wurden sogleich von terroristischen Gruppierungen gefüllt. Auch Korruption hat die Sahel-Demokratien geprägt. Trotz ergiebiger Rohstoffvorkommen leiden ihre Wirtschaften unter hohen Raten von Korruption und Arbeitslosigkeit. Der natürliche Reichtum dieser Länder ist weder öffentlichen Dienstleistungen noch der öffentlichen Sicherheit zugutekommen und ist somit nur wenig oder gar nicht bei der breiten Bevölkerung angelangt.[6] Dieser Kontext hilft bei der Einordnung eines bemerkenswerten Umfrageergebnisses: Laut dem Mali-Mètre 2025, einer jährlichen politischen Meinungsumfrage der Friedrich-Ebert-Stiftung (FES), finden 78,5 % der befragten Malier:innen, das Land bewege sich in die richtige Richtung, 90 % sind zufrieden mit der Gestaltung des Übergangs [zur Militärherrschaft].[7]
Als präventiver Mechanismus hätte grundsätzlich die Westafrikanische Wirtschaftsgemeinschaft (ECOWAS) agieren sollen – Mali, Guinea, Burkina Faso und Niger waren langjährige Mitglieder. Die 1975 gegründete Union ratifizierte 2001 das Protocol on Democracy and Good Governance, welches vorsieht, Putsch und missbräuchliche Verfassungsänderung mit Sanktionen bis hin zum Ausschluss zu ahnden.[8] So wurde es aber nicht durchgesetzt. Vor dem guineischen Putsch 2021 änderte Machthaber Condé die Verfassung, um sich eine dritte Amtszeit zu ermöglichen. Vonseiten ECOWAS kam kaum Protest. Erst nach dem Militärputsch reagierte die Union mit dem Ausschluss Guineas und weiteren Sanktionen. Das bleibt ein prägender Präzedenzfall: Wer im Amt die Verfassung manipuliert, wird nicht rechtmäßig bestraft. So legitimieren sich die Militärputschisten als selbsternannte „Hüter der Verfassung”.[9]
Vier Länder, drei Jahre, eine Region: die Forschung deutet auf gleiche Umstände als gemeinsame Ursache hin. Alle vier zählen zu den ärmsten Ländern der Welt, [10] alle vier sind LDCs (least developed countries) laut den Vereinten Nationen. [11] Die gesamte Region plagen dschihadistische Aufstände, denen Maßnahmen seitens den demokratischen Regierungen überhaupt nicht gerecht werden. Mehr als die Hälfte der weltweiten Tode durch Terrorismus entfällt auf den Sahel, was ihn zum globalen Epizentrum macht.[12] In der Bevölkrung schwächt es das Vertrauen im bestehenden System ab, die Hoffnung in eine Umstrukturierung setzt ein.⁷ Das plädieren auch die neuen Machthaber. „Demokratie tötet, und die Menschen […] müssen sie vergessen.”, so interimistischer Präsident von Burkina Faso Ibrahim Traoré.[13]
Fragen, die sich bei der kürzlichen Coupwelle stellen, sind auch die des politischen Ansteckungseffekts – einer „coup contagion”: Trägt die jeweilige inländische Sicherheitskrise die alleinige Verantwortung, oder ist das afrikanische Cluster an Militärherrschaften kein bloßer geografischer Zufall? Die „Epidemie von Coups d’État”, wie sie Generalsekretär der Vereinten Nationen Antonio Guterres beschreibt,[14] ist angesichts des Mangels an empirischer Evidenz wohl doch eher als Metapher zu sehen. Obwohl die humanitären Missstände ganz klar die primäre gemeinsame Ursache sind, stehen auch rein die politischen Ereignisse in einem Zusammenhang. Jeder Putsch, der ohne Konsequenzen verlaufen darf, ist ein Beispiel. Das von anderen Oppositionellen vernommene Risiko sinkt. Imminente Sanktionen der ECOWAS haben nicht genug Gewicht. Die Umstürze werden von der Bevölkerung begrüßt und gefeiert.[15]
Die Putschisten preisen sich auch als Unabhängigkeitskämpfer. Die in den 1960ern von den Sahelländern erlangte „Unabhängigkeit” von Frankreich führte sie direkt in die Françafrique – ein Netz neokolonialer Strukturen, in welchem die jungen Staaten weiter französischen Interessen dienten. Frankreich praktizierte, wie verdeckt so auch offen, politischen Interventionismus, indem es francofreundliche afrikanische Politiker mit Gewalt und Wahlbetrug im Amt hielt, und erlangte priorisierten Zugang zu strategischen Rohstoffen. Französische Truppen und Militärstützpunkte blieben in der Region präsent. Auch sein Währungsimperium behielt es bei: Der CFA-Franc, die von der ehemaligen Kolonialmacht in ihrem Wirkungsbereich etablierte gemeinsame Währung, ist sehr eingeschränkt konvertibel, an den Euro gekoppelt und verpflichtet zur Hinterlegung von Devisenreserven im französischen Schatzamt. Diese Hintergründe erklären auch die neue außenpolitische Ausrichtung der Militärregimes: Nachdem es den westlich unterstützten Regierungen nicht gelungen ist, wirksam gegen die dschihadistische Gewalt vorzugehen, wandten sich die Juntas zum Osten. Russland, China, Iran und die Türkei bieten militärische Unterstützung ohne politische Auflagen und Wertvorschriften und füllen die Lücke, die durch das operative Versagen Frankreichs entstanden ist. Auf eine neue potenzielle Abhängigkeit ist jedoch immer Acht zu geben.[16]
Nach der Putschwelle schlossen sich die neuen Militärregimes von Mali, Niger und Burkina Faso 2023 zunächst als Verteidigungsbündnis zusammen, nachdem die Westafrikanische Wirtschaftsgemeinschaft nach dem Putsch in Niger militärisch einzuschreiten drohte. Guinea sicherte diplomatische Zusammenarbeit zu. 2024 wurde daraus die Konföderation der Sahelstaaten (CES), ehe die drei 2025 der ECOWAS gemeinsam ihren Austritt verkündeten. Langfristige Ziele der CES sind unter anderem ein gemeinsamer Binnenmarkt, eine eigene gemeinsame Währung und eine eigene Zentralbank – alles Schritte zu einer „gerechten multipolaren Weltordnung”. Ihre Unterstützung erhält die CES von den Großmächten im Osten, sie sieht sich als Pendant zur westlich unterstützten ECOWAS. Diese Neuordnung des Sahels lässt sich kaum losgelöst von geopolitischen Einflüssen betrachten: Mit dem schwindenden französischen Einfluss und der wachsenden russischen Präsenz zeichnet sich abermals ein Wettbewerb der Sphären Ost und West heraus. Der afrikanische Kontinent wird erneut zum Schachbrett der Weltmächte und ihrer strategischen Interessen.[17]
Weiterführende Ressourcen
[1] ”Mali, Burkina Faso und Niger haben ECOWAS verlassen”, ORF.at, Januar 2025
[2] “African Coups and the Elite-Forces Trap“, Calin Trenkov-Wermuth, Alexander Noyes Journal of Democracy, Februar 2026
[3] “Guinea Gains Independence From France”, Adesina Olutayo C., EBSCO, 2023
[4] “Decolonization of Africa“, Encyclopaedia Britannica
[5] “West Africa’s post-2020 coups and decoloniality“, Blessing Simura, Bindura University of Science Education, 2024
[6] “Political transition and democratic challenges in central Sahel”, Kellian Mbianda, ACCORD, Februar 2024
[7] “Security, Resource Governance and Development Trajectories: A Comparative Assessment of Post-Coup Governance in the Sahel”, CDD-WEST AFRICA, März 2026
[8] “Protocol A/SP1/12/01 on Democracy and Good Governance”, Electoral Institute for Sustainable Democracy in Africa
[9] “Evaluating the Effectiveness of the ECOWAS Protocol on Democracy and Good Governance in Preventing the Resurgence of Military Coups in West Africa”, Canile D. D Williams, Dr. Emile Sunjo, International Journal of Research and innovation in Social Science
[10] “World Economic Outlook”, IMF World Economic Outlook, April 2026
[11] “UN list of least developed countries”, UNCTAD, Dezember 2024
[12] “Global Terrorism Index 2026”, Institute for Economics & Peace, März 2026
[13] “Burkina Faso must ‘forget’ about democracy, military leader says”, BBC, April 2026
[14] “Lessons Learned from Coups Could Lead to Better Responses”, Africa Defense Forum, August 2025
[15] ”African coups in the COVID-19 era: A current history”, John J. Chin, Jessica Kirkpatrick, Frontiers in Political Science, März 2023
[16] “The End of Françafrique: A Second Decolonisation Wave in Africa”, Angela Meyer, Österreichisches Institut für Internationale Politik, Januar 2025
[17] “Lavrov in Niamey: Russland zementiert geopolitische Vormachtsstellung im Sahel”, Amani Diallo, FOKUSAFRIKA, Juli 2026