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Montag, 10. August 2026

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Neunzig Prozent sind Egoisten

Eigentlich müsste allen klar sein, dass das Antrittsalter erhöht und Auszahlungen gekürzt werden müssen. Die Debatte um das Pensionssystem ist von unfassbarem Egoismus und Rücksichtslosigkeit geprägt.

Matthias Hietsch  ·  8. August 2026

Ja, dieses Thema kommt uns schon bei den Ohren raus. Es geht aber nicht anders, als darüber zu reden, bis der allgemeine Wählerwille nicht mehr von einem „Hinter mir die Sintflut“-Denken geprägt ist. Gerade einmal 9,1 % der Österreicher:innen haben bei der Nationalratswahl 2024 ihre Stimme einer Partei gegeben, die die Erhöhung des gesetzlichen Antrittsalters vorsieht.

Dabei sind die Folgen des Nicht-Handelns eigentlich unumstritten: Die Zuschüsse für das System, das sich grundsätzlich selbst erhalten sollte, werden weiter steigen. Es ist davon auszugehen, dass dieser Kostenpunkt nicht nur – wie heute – den größten einzelnen Ausgabeposten (16,1 % sind für 2026 budgetiert) darstellen wird, sondern zukünftig diesen Titel mit großem Abstand tragen könnte. In Folge gäbe es nur zwei Optionen: Einerseits könnte man jedes Jahr ein größeres Defizit aufweisen, weitere Schulden aufnehmen, bis die Zinsen, die wir auf diese Schulden zahlen, zu einer Schuldenspirale führen. Oder man verändert das System und damit die Ausgaben.

Eine Person, die heute 50 ist, muss verkraften können, dass sich der Tag, an dem sie die Pension antreten kann, um 2 oder 3 Jahre nach hinten verschieben wird. Jeder Tag, an dem sie noch erwerbstätig wäre, wäre ein doppelter Gewinn für den Staat und das Volk. Nicht nur würde weiterhin Leistung, und damit auch Steuer- und Sozialversicherungsbeiträge erbracht werden, sondern es fielen auch keine zu zahlenden Pensionsleistungen an. Als das heute gültige Antrittsalter von 65 Jahren 1955 (für Männer) eingeführt wurde, betrug die Lebenserwartung (auch für Männer) gerade einmal 64,7 Jahre! Das System wurde also wahrlich nicht dafür konzipiert, jahrelange Nichterwerbstätigkeit zu finanzieren. Zieht man die seitdem um über 17 Jahre gestiegene Lebenserwartung (Männer und Frauen) und extrem geburtenschwache Jahrgänge in Betracht, müsste jeder Person klar sein, dass sich das schlicht und einfach nicht ausgeht. Eine Erhöhung des gesetzlichen Antrittsalters wäre die stärkste Drehschraube, um das effektive Antrittsalter nach oben zu bewegen. “Unfair” wäre an einer Erhöhung nur, dass sie nicht früher stattgefunden hat, und jüngere Generationen jetzt doppelt dafür bezahlen müssen. Niemand kann ernsthaft erwarten, dass ein System, das für eine pyramidenförmige Altersverteilung geschaffen wurde, ohne Reformen funktionieren kann, wenn man diese Pyramide auf den Kopf stellt. 

Die Kritik an 4 von 5 im Parlament vertretenen Parteien, die keine Erhöhung des gesetzlichen Antrittsalters in ihren Wahlprogrammen vorsehen, um ihre älter gewordene Wählerschaft nicht zu verärgern, mag zwar naheliegend und legitim sein, doch darf man die Wähler selbst nicht aus der Verantwortung herausnehmen. Immerhin geht das Recht vom Volk aus. Dieses scheint in großen Teilen weder Weitblick noch Empathie zu haben. Sich für eine Maßnahme auszusprechen, die einem persönlich zwar schadet, aber für das Allgemeinwohl und das langfristige Bestehen sozialer Systeme unabdingbar ist, bedarf Empathie und Rücksicht, die offensichtlich (noch) nicht vorherrscht. Was wie eine brennende Zündschnur an einem Pulverfass behandelt werden sollte, wird als Ideologie und Gerechtigkeitsproblem betrachtet. Schuldig gemacht werden jene, die Leistungen “wegnehmen” wollen, und nicht die, die sie versprochen haben, obwohl das Geld fehlt.

Es ist wichtig herauszuheben, dass neue Steuern und Abgaben uns langfristig ebenfalls nicht weiterhelfen: Der Ausgabenposten wird weiter wachsen. Entsprechend müssten auch Steuern und Abgaben Jahr für Jahr steigen – ein Modell, das weder beliebt, noch langfristig wirtschaftlich tragfähig wäre. 

Natürlich muss Rücksicht auf gewisse Umstände genommen werden: Steigende Lebenserwartung ist nicht mit gesunden Jahren, in denen man erwerbsfähig ist, gleichzusetzen. Eine 1:1 Kopplung der Lebenserwartung an das Pensionsantrittsalter wäre also wenig Zielführend. Ein 67-Jähriger Bauarbeiter ist nur schwer vorstellbar, und Personen, die an altersbedingten Krankheiten leiden, werden wohl nicht (voll) erwerbstätig sein können. Dafür müssen Lösungen gefunden werden, keine Frage. Nur gelten solche Umstände nicht als Totschlagargument oder Grund, Reformen abzulehnen. Auch eine Einschleifregelung, also eine Erhöhung, die erst für Menschen, die noch einige Jahre von der Pension entfernt sind, greift, wäre durchaus sinnvoll und wichtig. Bei ihrer Dauer wäre es aber besser, sich nicht an vorherigen österreichischen Modellen zu orientieren: Die Angleichung des Antrittsalters für Frauen an das von Männern wurde bereits 1992 beschlossen und wird erst 2033 vollständig abgeschlossen sein. 

 

Weiterführende Ressourcen

https://service.bmf.gv.at/Budget/Budgets/VBB/de/2025/Home/Treemap?type=FV&houseHold=1&currency=MioEuro&showGrafic=True&showTable=false 

https://www.statistik.at/fileadmin/announcement/2026/03/20260331OEffentlicheFinanzen2025.pdf

https://www.wko.at/statistik/Extranet/Langzeit/Lang-Lebenserwartung.pdf 

https://www.statistik.at/atlas/bev_prognose/