Weltpolitik vor der Haustür – nur nicht im Hörsaal
Warum Internationale Beziehungen in Österreich endlich aus ihrem bildungspolitischen Schattendasein geholt werden sollten.
Wien ist UNO-Stadt, Diplomatiezentrum, Konferenzort und seit dem Kalten Krieg eine legendäre Drehscheibe internationaler Politik und Nachrichtendienste. Österreich beruft sich seit Jahrzehnten auf seine Rolle als neutraler Begegnungsort. Nur wer Internationale Beziehungen an einer öffentlichen österreichischen Universität als eigenständigen Bachelor studieren möchte, sucht vergeblich. Und schon in der AHS bleibt Weltpolitik ein erstaunlich kleines Stück eines ohnehin kleinen Faches.
Weltpolitik als österreichische Tradition
Österreich ist ein kleines Land. International unbedeutend war es deshalb noch lange nicht. Seit 1955 gehört die immerwährende Neutralität zu unserem außenpolitischen Selbstverständnis. Während des Kalten Krieges wurde Wien zur Schnittstelle zwischen Ost und West, zum Ort internationaler Begegnungen und Verhandlungen – und zum legendären Tummelplatz der Geheimdienste. 1961 trafen hier John F. Kennedy und Nikita Chruschtschow aufeinander. „Der dritte Mann“ hat das zwielichtige Nachkriegs-Wien zwischen Besatzungsmächten, Schwarzmarkt und Spionage längst im kulturellen Gedächtnis verewigt.
Diese internationale Tradition endete nicht mit dem Kalten Krieg. Wien ist heute neben New York, Genf und Nairobi einer von vier Amtssitzen der Vereinten Nationen. UNO, IAEO, UNIDO, OSZE, OPEC und zahlreiche weitere internationale Organisationen und Einrichtungen sind hier angesiedelt. Diplomaten, internationale Beamte, Sicherheitsexperten, Journalistinnen und Journalisten und Vertreter unterschiedlichster Staaten begegnen einander täglich in dieser Stadt.
Weltpolitik findet in Wien buchstäblich vor unserer Haustür statt. Nur unser Bildungssystem macht daraus erstaunlich wenig.
Vergebliche Suche
Wer heute in Österreich maturiert und International Relations studieren möchte, stößt auf eine bemerkenswerte Lücke: An keiner öffentlichen österreichischen Universität gibt es einen eigenständigen Bachelor Internationale Beziehungen.
Natürlich kann man Politikwissenschaft studieren. Und selbstverständlich sind Internationale Beziehungen ein Teil der Politikwissenschaft. Aber ein Teilgebiet ist noch kein Studium. Im aktuellen Bachelor Politikwissenschaft der Universität Wien umfasst das verpflichtende Kernfach „Internationale Politik und Globalisierung“ 11 ECTS. Der gesamte Bachelor hat 180 ECTS. Das sind rund sechs Prozent des Studiums. Zwar können Studierende später vertiefen und internationale Themen wählen; ein eigenständiges IR-Studium ersetzt das nicht.
Daneben stehen Politische Theorie und Ideengeschichte, das politische System Österreichs und der EU, Vergleichende Politikwissenschaft, Geschlechterforschung, Methoden und weitere Bereiche. Alles legitime und wichtige Bestandteile der Politikwissenschaft. Aber wo ist die öffentliche Ausbildung für jene jungen Menschen, die sich schwerpunktmäßig mit Außenpolitik, Diplomatie, Krieg und Frieden, internationaler Sicherheit, Völkerrecht, internationalen Organisationen, Geopolitik, Terrorismus, Großmachtkonkurrenz oder dem Verhältnis von Demokratien und Autokratien beschäftigen wollen?
Formal gibt es in Wien einen Bachelor International Relations an der privaten Webster University. Damit ist die Frage aber nicht beantwortet, sondern erst recht gestellt: Warum bietet keine öffentliche österreichische Universität ein entsprechendes Bachelorstudium an? Wer ein eigenständiges IR-Studium will, muss privat studieren oder Österreich verlassen.
Damit fehlt in Österreich nicht nur ein öffentlicher IR-Bachelor. Es fehlt auch eine durchgängige, reguläre und zu den üblichen Bedingungen öffentlicher Universitäten zugängliche Ausbildung in International Relations auf Masterebene. Gerade in einer UNO-, Diplomatie- und Konferenzstadt wie Wien ist das eine bemerkenswerte bildungspolitische Leerstelle.
Auch auf Masterebene bleibt die Lücke bestehen. Die Universität Wien bietet zwar einen regulären Master Politikwissenschaft mit 120 ECTS an, aber keinen eigenständigen regulären Master International Relations. Wer Internationale Beziehungen als eigenes interdisziplinäres Masterstudium in Wien studieren möchte, findet mit dem „Master of Advanced International Studies“ (MAIS) zwar ein einschlägiges Angebot der Diplomatischen Akademie in Kooperation mit der Universität Wien – doch dieses kostet für den Jahrgang 2026–2028 insgesamt 32.800 Euro. An der Central European University ist der Master in International Relations zwar günstiger, aber abgesehen von den Kosten wird nur ein kleiner Prozentsatz der Bewerber:innen angenommen.
Andere machen es längst
Und dafür muss man keineswegs nur auf britische Eliteuniversitäten blicken. Laut dem Bachelors-Portal gibt es sage und schreibe 782 International Relations – Bachelor-Studiengänge. Aber keiner davon ist in Österreich.
Internationale Beziehungen, globale Herausforderungen, internationale Zusammenarbeit, China in der internationalen Politik, internationale Entwicklung, Konflikte, Terrorismus und europäische Sicherheitspolitik finden sich im Studienangebot. Daneben gibt es auch Bachelorangebote im Bereich Peace and Conflict Studies.
Es ist nicht nur darum, was bei uns gelehrt wird – oder eben leider nicht, es geht auch darum wie unterrichtet wird. Interaktiver Unterricht, der ununterbrochen kritisches Denken fordert, ist bei uns nach wie vor nicht die Norm. Die britischen Top Universitäten wie das King’s College London zeigen vor, wie es geht. KCL ist teuer; das britische Hochschulsystem ist finanziell sicher kein Vorbild für Österreich. Im Department of War Studies können Studierende International Relations oder War Studies als Bachelorstudien wählen. Theorie, Geschichte des internationalen Systems, Diplomatie, Konflikt, Sicherheit und internationale Ökonomie werden miteinander verbunden. Neben klassischen Essays und Prüfungen kommen Formate wie Policy Briefs, Critical Reviews, Präsentationen und anwendungsorientierte Seminararbeit zum Einsatz.
Es geht nicht darum, London zu kopieren. Es geht um die Vorstellung von Bildung dahinter: Studierende sollen politische Begriffe nicht nur kennen. Sie sollen mit ihnen etwas anfangen können – analysieren, argumentieren, Interessen erkennen, Informationen bewerten, Perspektiven wechseln und aus komplexen Situationen politische Urteile entwickeln.
Die perfekte Stadt dafür hätten wir bereits
Ausgerechnet Wien hätte Voraussetzungen, von denen viele Universitätsstädte nur träumen können. Internationale Organisationen, Botschaften, Diplomaten, NGOs, Medien, Sicherheitsexperten und internationale Beamte arbeiten hier auf engstem Raum. Internationale Konferenzen und diplomatische Verhandlungen gehören seit Jahrzehnten zur Identität der Stadt. Wien besitzt ein reales Labor der Internationalen Beziehungen. Man müsste nur die Universitätstür öffnen und es hereinlassen.
Ein öffentlicher Bachelor International Relations könnte Politikwissenschaft, Geschichte, Völkerrecht, Ökonomie, Diplomatie und Sicherheitsstudien verbinden. Praktikerinnen und Praktiker aus internationalen Organisationen könnten ebenso eingebunden werden wie Diplomaten, Journalisten und Wissenschaftler. Studierende könnten Resolutionen verhandeln, internationale Krisen analysieren, Policy Papers verfassen und lernen, eine Situation aus unterschiedlichen staatlichen und gesellschaftlichen Perspektiven zu betrachten.
Nicht als Diplomatenschule für eine kleine Elite, sondern als moderne sozialwissenschaftliche Ausbildung für Diplomatie, internationale Organisationen, Journalismus, NGOs, Wissenschaft, Verwaltung sowie Sicherheits- und Konfliktforschung.
Das Interesse daran wäre vorhanden. Das sage ich nicht aufgrund einer Umfrage, sondern nach 28 Jahren Unterricht in Geschichte und Politischer Bildung an einer AHS. Über viele Jahre habe ich Schülerinnen und Schüler in Wahlfächern zu Weltpolitik, US-Politik oder Terrorismus unterrichtet, mit ihnen debattiert und Model United Nations veranstaltet. Immer wieder habe ich erlebt, wie aus Interesse echte Begeisterung wurde.
Manche meiner Maturantinnen und Maturanten würden, salopp gesagt, eine Niere dafür geben, Internationale Beziehungen in Wien studieren zu können. Sie haben jahrelang debattiert, bei Model United Nations in ganz Europa Staaten vertreten, Resolutionen ausgehandelt und sich freiwillig mit Themen beschäftigt, für die im regulären Unterricht kaum Zeit bleibt. Sie maturieren hochmotiviert – und dann muss ich ihnen erklären: Wenn ihr genau das als eigenständigen Bachelor studieren wollt, müsst ihr entweder privat studieren oder Österreich verlassen.
Viele landen schließlich bei Jus, an der WU oder in einem anderen Studium – nicht weil das ihr ursprünglicher Wunsch war, sondern weil das Studium, das sie eigentlich suchen, an einer öffentlichen österreichischen Universität schlicht nicht existiert. Nach 28 Jahren im Klassenzimmer fällt es mir deshalb schwer, mangelnde Nachfrage als Erklärung für diese Lücke zu akzeptieren. Die Nachfrage sitzt vor uns. Wir bieten ihr nur kein Studium an.
Das Problem beginnt in der Schule
Denn Internationale Beziehungen sind nicht erst an unseren Universitäten ein Stiefkind. Auch in der AHS-Oberstufe ist der Raum für politische Bildung insgesamt knapp. Im derzeit geltenden AHS-Stundenplan umfasst „Geschichte und Politische Bildung“ im Gymnasium über vier Oberstufenjahre sieben Wochenstunden – bei insgesamt 130 Wochenstunden einschließlich Wahlpflichtbereich. Das sind nur rund fünf Prozent der gesamten Oberstufen-Stundentafel. Und diese sieben Stunden müssen nicht nur politische Bildung, sondern die Geschichte von der frühen Neuzeit bis zur Gegenwart abdecken.
Für Internationale Beziehungen selbst gibt es dabei kein eigenes Stundenkontingent. Der Lehrplan verlangt zwar ausdrücklich Perspektiven von der lokalen bis zur globalen Ebene und nennt Weltoffenheit als Ziel. Internationale Politik konkurriert in der Unterrichtsrealität aber innerhalb desselben knappen Zeitbudgets mit Jahrhunderten Geschichte, österreichischer Politik, EU, Demokratie, Nationalsozialismus, Erinnerungskultur, Wirtschaft, Gesellschaft und zahlreichen weiteren verbindlichen Themen. Eine seriöse Prozentzahl für „IR im AHS-Lehrplan“ lässt sich deshalb gar nicht angeben – und genau das ist aufschlussreich: Weltpolitik besitzt keinen klar abgegrenzten Platz.
Dabei müsste sich gerade die AHS heute eine unangenehme Frage gefallen lassen: Was definiert Allgemeinbildung im Jahr 2026? Noch mehr Stoff, den Schülerinnen und Schüler für eine Prüfung lernen und anschließend vergessen? Wir leben in einer Welt, in der nahezu jede Jahreszahl, Definition und institutionelle Zuständigkeit innerhalb von Sekunden recherchiert werden kann und künstliche Intelligenz Wissen in einer Geschwindigkeit aufbereitet, mit der kein Schulbuch konkurrieren kann.
Das bedeutet nicht, dass Wissen unwichtig geworden ist. Ohne Wissen gibt es kein fundiertes Urteil. Aber Schule muss mehr leisten. Ihre Stärke müsste dort liegen, wo Google und KI jungen Menschen die Arbeit nicht abnehmen können: Zusammenhänge erkennen, Interessen verstehen, Quellen beurteilen, argumentieren, widersprechen, verhandeln, Perspektiven wechseln und schließlich ein eigenes Urteil bilden.
Lasst sie verhandeln
Gerade Internationale Beziehungen wären dafür ein ideales Lernfeld. Warum stimmt China im UN-Sicherheitsrat anders als Frankreich? Wann darf ein Staat militärisch intervenieren? Was bedeutet Souveränität, wenn Menschenrechte massiv verletzt werden? Warum kooperieren Demokratien mit Autokratien? Wann wirken Sanktionen – und wen treffen sie? Was bedeutet Völkerrecht, wenn eine Großmacht seine Regeln bricht? Warum wird derselbe Konflikt in Europa, Indien, China, Lateinamerika oder Afrika unterschiedlich beurteilt?
Das sind keine exotischen Spezialfragen. Das ist die politische Realität des 21. Jahrhunderts.
Model United Nations, Debattierclubs, internationale Simulationen, Policy Labs oder Krisenspiele sind an österreichischen Schulen noch immer eher Ausnahmeerscheinungen als selbstverständlicher Bestandteil politischer Bildung. Dabei lernt ein 17-Jähriger möglicherweise mehr über internationale Politik, wenn er zwei Stunden lang in der Rolle des chinesischen UN-Botschafters mit den USA, Russland, Frankreich und einem afrikanischen Staat um eine Resolution ringt, als wenn er dieselben zwei Stunden ein Schema über die Organe der UNO auswendig lernt.
Plötzlich muss er Interessen verstehen. Er muss argumentieren, zuhören, Bündnisse schließen, einen Kompromiss finden und Widerspruch aushalten. Und vielleicht entdeckt er dabei etwas, das für politische Bildung entscheidend ist: Die Welt sieht von der anderen Seite des Verhandlungstisches anders aus. Das ist nicht weniger anspruchsvoll als klassischer Unterricht. Es ist Persönlichkeitsbildung.
Demokratiebildung darf nicht an der Staatsgrenze enden
Österreich führt nun in der AHS-Oberstufe das neue Fach „Medien und Demokratie“ ein. Dass Medienkompetenz, Desinformation und demokratische Resilienz gestärkt werden, ist richtig und notwendig. Aber auch diese Reform darf nicht wieder klein-klein gedacht werden. Wenn Demokratiebildung hauptsächlich Inhalte neu bündelt, die engagierte Lehrerinnen und Lehrer in Geschichte und Politischer Bildung ohnehin behandeln, wäre eine große Chance vertan.
Demokratie lässt sich nicht verstehen, indem man ausschließlich Demokratie betrachtet. Wer Demokratie verstehen soll, muss auch wissen, wie Autokratien funktionieren. Wie legitimieren autoritäre Regime ihre Herrschaft? Warum sind sie für manche Menschen attraktiv? Wie funktionieren Propaganda, Repression und politische Kontrolle? Welche Interessen verfolgen China, Russland oder die Golfstaaten? Warum lebt ein großer Teil der Weltbevölkerung nicht in liberalen Demokratien?
Perspektivenwechsel bedeutet nicht, autoritäre Systeme zu relativieren. Im Gegenteil: Wer Demokratie verteidigen will, sollte verstehen, womit sie konkurriert.
Eine zeitgemäße Demokratiebildung müsste deshalb globaler werden. Sie müsste politische Systeme vergleichen, Machtverschiebungen erklären, Völkerrecht und internationale Organisationen einbeziehen und Jugendlichen zeigen, dass die österreichische oder westeuropäische Sicht auf die Welt eben eine Perspektive unter mehreren ist.
Österreichs bemerkenswertes Paradox
Damit schließt sich der Kreis. Wir sind stolz auf Wien als UNO-Stadt. Wir berufen uns seit 1955 auf Neutralität und unsere Rolle als internationaler Begegnungsort. Während des Kalten Krieges trafen sich hier Ost und West – und ihre Nachrichtendienste gleich mit. Internationale Politik gehört seit Jahrzehnten zum Standortprofil und zum außenpolitischen Selbstverständnis Österreichs.
Nur in unserem Bildungssystem behandeln wir sie weiterhin erstaunlich stiefmütterlich.
Vielleicht ist das eigentliche Problem deshalb größer als ein fehlender Bachelor. Es geht um die Frage, welche politische Bildung wir jungen Menschen für das 21. Jahrhundert mitgeben wollen. Eine AHS sollte heute nicht versuchen, mit Google um abrufbares Wissen zu konkurrieren. Sie sollte junge Menschen urteilsfähig machen. Eine Universität sollte nicht nur bestehende akademische Strukturen verwalten, sondern auch auf eine Welt reagieren, die sich verändert.
Und eine Stadt, in der seit Jahrzehnten Diplomaten, internationale Organisationen, Staatschefs, Sicherheitsexperten – und nicht zuletzt Nachrichtendienste – ein und aus gehen, sollte vielleicht irgendwann auf die Idee kommen, dass Internationale Beziehungen auch ein eigenständiges öffentliches Studium wert wären.
Die Weltpolitik findet längst in Wien statt. Es wäre an der Zeit, dass sie auch in unseren Schulen und Hörsälen ankommt.
Weiterführende Ressourcen, Quellen und Recherchebasis
https://politikwissenschaft.univie.ac.at/studium/bachelorstudium-version-2024/
https://www.da-vienna.ac.at/en/Programmes/Master-of-Advanced-International-Studies-MAIS
https://www.parlament.gv.at/aktuelles/pk/jahr_2026/pk0699
https://www.rug.nl/bachelors/international-relations-and-international-organization/?lang=en
https://www.kcl.ac.uk/study/undergraduate/courses/war-studies-ba
https://www.kcl.ac.uk/study/undergraduate/courses/international-relations-ba
https://www.bachelorsportal.com/search/bachelor/international-relations/europe
https://www.webster.ac.at/academics/ba-international-relations.php
Hinweis: Die persönlichen Passagen beruhen auf der 28-jährigen Unterrichtserfahrung der Autorin.