diestadtredaktion
Sonntag, 25. Oktober 2026

Interview

“Als erste Reaktion wird man eher gebremst als ermutigt”

Markus Hirzberger ist Co-Founder des Wiener Startups ohrheld, und vertreibt per iPhone-Scan maßangepasste Ohrstöpsel. Mit der Stadtredaktion trifft er sich in seinem Büro in Wien und spricht über Gründerkultur, Förderungen und Unternehmertum.

Matthias Hietsch und Gregor Weiser 8. Oktober 2026
Markus Hirzberger Co-Founder ohrheld

Man hört oft, dass GründerInnen eine unendliche To-Do-Liste haben, die sie abarbeiten müssen, um sich in dieser Welt zu etablieren. Wie kann man am Fuße dieses Berges den Überblick und die Motivation behalten, um seine eigene Idee auf die Beine zu stellen?

Die unendliche To-do-Liste kann ich bestätigen. Man geht jeden Tag nach Hause und denkt sich, “Fuck, die Liste wurde länger!” Ich glaube, das Wichtige ist, dass man immer ein gewisses Ziel vor Augen bzw. einen Grund hat, warum man das macht. Bei uns mit den Ohrstöpseln ist es so, dass wir bei den Kunden sehen: Das funktioniert, die finden das cool! Das macht einfach den Alltag besser und lässt einen motiviert bleiben. Wenn man sich das so vor Augen hält, dann ist alles andere einfach nur ein Teil des Weges dorthin. Hier ist es am wichtigsten, den Fokus zu bewahren. Alle paar Tage gehe ich meine To-do-Liste durch und streiche alles raus, was doch nicht unbedingt notwendig ist. Ideen gibt es tausende, man hat aber nicht so viel Zeit und muss sich wirklich auf die Dinge fokussieren, die etwas weiterbringen. 

Bei uns ist klar, was als nächstes zu tun ist: Wir wollen testen, ob wir mit Marketing durch organischen Content auf 500 bis 1.000 verkaufte Ohrstöpsel pro Monat kommen. Das ist unser Bottleneck, darauf fokussieren wir uns, alles andere versuchen wir rauszustreichen. 

Ganz am Anfang haben wir eine Liste mit allen notwendigen Schritten, um das erste Produkt zu einem Kunden zu bekommen, verfasst. Wichtig waren ein Prototyp und Leute, die wirklich dafür bezahlen. Wenn ich jemandem das Produkt einfach so zum Testen gebe, ist das Feedback im Vergleich zu jemandem, der dafür Geld ausgeben wollte, wenig wert. Wir haben uns bei jedem Punkt in dieser Liste gefragt, ob wir ihn wirklich brauchen: Muss ich wirklich jetzt schon ein Unternehmen dafür anmelden? Brauche ich jetzt eine Webseite dafür? Je weniger Zeit vergeht, bis du den ersten Milestone erreichst und etwas wirklich vor den Kunden bringst, desto besser. Deine Motivation lässt mit der Zeit nach und du brauchst immer wieder den Boost von Erfolgen, um am Ball zu bleiben. 

Etwas persönlicher: Warum hast du dich für den Pfad des Unternehmertums entschieden? Du könntest einen klassischen, angenehmen Bürojob nehmen – wieso also die Entscheidung für das Unternehmertum?

Ich glaube, das hat sich ein bisschen ergeben. Ich hatte davor schon zwei Startup-Projekte, die sich beide aus der Uni heraus ergeben haben. Das Coole am Gründen mit Anfang 20 war, dass dich die Leute plötzlich ernst genommen haben. Weil du ein Produkt oder eine Dienstleistung hattest, mit der du ihnen wirklich weiterhelfen konntest. Im Gegensatz dazu bist du in einem Unternehmen oft “nur der Praktikant” und bist mit uninteressanten Aufgaben konfrontiert. Das ist wie wenn man als Kind am Spielplatz nur zuschauen durfte, und nicht mitspielen, das macht halt keinen Spaß. Es ist einfach cooler mit einem eigenen Projekt. 

Du kannst selbst mitwirken und selbst entscheiden. 

Genau. Und niemand kann dir sagen, was nicht geht. Vor allem, wenn du Software machst, das kannst du einfach selbst machen. Du hast keine Einschränkungen, nur das Problem an sich, das du lösen musst. Was am Gründen auch, im Vergleich zum klassischen Arbeitsleben, cool ist: Beim Gründen musst du nur ein paar Mal richtig liegen und im konventionellen Berufsleben darfst du nie falsch liegen oder Fehler machen. Dadurch fühle ich mich hier viel wohler, weil es egal ist, wenn vieles nicht funktioniert. Du darfst Sachen kaputt machen. 

Haben wir in Österreich bzw. Europa ein Kulturproblem, was die Selbstständigkeit angeht? Können wir mit Silicon Valley in Wahrheit mithalten? Wenn man z.B. auf LinkedIn unterwegs ist, sieht man oft sehr pessimistische Posts und Gedanken gegenüber österreichischer und europäischer Startup-Kultur. 

Ehrlicherweise glaube ich nicht, dass ich das beurteilen kann. Den Pessimismus verstehe ich nicht ganz, denn dieser kommt meistens von Gründern, die sowieso selbst etwas machen. Es ist für mich so verwunderlich, dass diese Leute über Pessimismus reden und ihm dadurch Raum geben. Vielleicht wäre es gar nicht so schlecht aufzuhören, darüber zu reden. 

Vor allem in Österreich fällst du als Gründer so weich. Was passiert im schlimmsten Fall? Im Vergleich zu anderen Ländern ist das in Österreich wesentlich angenehmer. Was wir durch Förderungen für Möglichkeiten haben, vom Boden weg zu kommen, mit fast keinem Startkapital, ist ein großer Vorteil. Auch Talent ist in Österreich sehr günstig, wenn ich einen Vergleich zu Silicon Valley ziehe. Wir haben hier genauso gute Entwickler, zum Beispiel von der TU Wien oder auch der HTL Spengergasse. Wir haben schon echtes Talent in unserem Land. 

Was die Risikobereitschaft angeht, sind wir jedoch ganz anders, und auch was die Einstellung zur Arbeit angeht. Wir sind wesentlich risikoaverser. Das merkt man, wenn du Gründer bist und mit deinem Umfeld redest: Als erste Reaktion wird man eher gebremst als ermutigt. Fragen wie:  “Willst du das wirklich, ist das wirklich das, was Sinn ergibt?”, oder “Wirst du jetzt wirklich deinen Job dafür aufgeben?” Selten kommt die Reaktion “Geil, ja, probier’s!” oder “Schauen wir mal, was passiert.” Das ist schon ein Thema. Die Arbeit am eigenen Startup im Leben zu priorisieren ist für viele hierzulande nicht nachvollziehbar.

Merkst du einen Kulturshift in Österreich was die Startup-Kultur angeht? 

Ich glaube, dass ich da zu biased bin um das zu beantworten, weil ich tief in der Startup-Bubble stecke. Gleichzeitig habe ich bis vor kurzem noch parallel in einem Angestelltenverhältnis gearbeitet, da habe ich schon gesehen, dass dort eine ganz andere Kultur herrscht. Wie ich dort mit den Leuten rede, ist nicht vergleichbar, wie wenn ich mich mit Gründer:innen austausche. Vor allem, wie man auf neue Möglichkeiten schaut und wie risikobereit man ist. Darum bin ich mir nicht sicher, ob es diesen kulturellen Shift im Großen und Ganzen gibt.

Mich stimmt es aber trotzdem positiv, wenn ich Gründergeschichten aus Österreich höre. Zum Beispiel Bitpanda oder fonio.ai, die aus Österreich heraus große und international kompetitive Unternehmen geworden sind bzw. sie gerade aufbauen. Schon beeindruckend. So etwas motiviert dann, und man sieht, dass es auch in Österreich gehen kann. Die Gründer von Woom zeigen eine weitere solche Erfolgsgeschichte. Wenn man denkt, dass sie ein physisches Produkt hier entwickelt und aus Österreich heraus verkaufen, und jetzt Marktführer für Kinderfahrräder sind, ist das schon inspirierend.

Ihr habt von der Forschungsförderungsgesellschaft (FFG) Förderungen in Höhe von EUR 70.000 erhalten. Um das Ganze jetzt aus kritischer Perspektive zu sehen, was bringt es der Gesellschaft, wenn Startups so gefördert werden? 

Ohne FFG-Förderung hätten wir an dem Produkt nicht forschen können und es nicht entwickeln können. Es ist schon ganz cool, dass einem dadurch das anfängliche Risiko zu einem großen Teil genommen wird. Wenn du in der Phase bist, wo du noch keinen Prototypen vorzeigen kannst, ist es auch sehr schwierig, Investoren anzusprechen. Vor allem bei einem physischen Produkt wie unserem ist dieser Abschnitt des Gründens ohne ausreichendem Kapital sehr schwierig. Ob die Förderung bei uns Früchte tragen wird, werden wir sehen. Aber wenn man 10 Startups fördert, und auch nur ein paar davon aufgehen, zieht Österreich einen Mehrwert daraus.

Es ist wieder eine andere Diskussion, ob es insgesamt sinnvoll ist, dass der Staat sozusagen Investmententscheidungen trifft. Aber für uns ist es cool, dass es das gibt und wir hätten ohrheld sonst nicht in der Form starten können. Auch dadurch, dass wir hier technisch forschen können, sind wir nicht einfach noch ein weiteres Dropshipping-Business. Das wäre möglich, aber so können wir unser eigenes, neues Produkt entwickeln. Es ist schon gut, wenn wir in Österreich solche Dinge entwickeln können und das auch fördern. 

Um auf das Produkt zu kommen, ihr verkauft per iPhone-Scan maßangepasste Ohrenstöpsel zum Schlafen. Einerseits um einen Bruchteil des Preises herkömmlicher Maß-Produkte und Made in Austria. Wie kam es überhaupt zu diesem Produkt?

Gute Frage. Die Geschichte hat eigentlich bei Léon (Anm. Léon Aricioglu, Co-Founder von ohrheld) gestartet. Der hat schon, bevor wir uns kennengelernt haben, regelmäßig klassische Ohrstöpsel aus Schaumstoff verwendet und hat dann bei einem Freund auf einer Reise gesehen, dass dieser ein von einem namhaften Audiologen maßangepasstes Paar hatte. Léon hat sich dann auch welche machen lassen und war absolut begeistert von dem Produkt, weil Maßanfertigung einfach besser im Ohr sitzt und angenehmer ist. Der Prozess der Anfertigung ist jedoch mühsam. Du musst erstmal einen Termin ausmachen, dann sperrt das Geschäft womöglich schon früh zu, dass du dir fast den halben Tag frei nehmen musst. Dann wird der Abdruck gemacht, dabei kommt es in seltenen Fällen auch zu Verletzungen und kann unangenehm sein. Zwei Wochen später musst du wieder hingehen und dein Produkt abholen. 

Das herkömmliche Produkt ist geil, aber der Prozess eben mühsam. Markus Hirzberger, Co-Founder ohrheld

Léon hat dann selbst recherchiert, inwieweit das von Zuhause mit einem eigenhändigen Scan möglich ist. Ein paar Monate später hat uns ein Freund zusammengebracht und wir haben uns entschieden, ohrheld zu gründen. Ich habe davor nie an den Markt der Ohrstöpsel gedacht, obwohl ich selbst immer wieder welche verwendet habe. Dann haben wir einen 3D-Drucker gebraucht gekauft und mit einem Unternehmen für den Scan zusammengearbeitet. Den Prototypen haben wir dann schnell entwickelt und auch sehr bald an die ersten Kund:innen abgeschickt, mit Ohrscan direkt von ihrem iPhone. Die ersten Prototypen waren schnell recht vielversprechend. 

Diese Reise, die du beschreibst, behandelst du auch sehr offen auf sozialen Medien, vor allem auf LinkedIn. Du teilst deine Erfolgsmomente sowie auch Fehler und Entscheidungen, die du bereust. Wieso machst du das? 

Wir haben damals für die Pilotphase 100 Pilotkunden gesucht und haben das auf allen Kanälen versucht, LinkedIn hat einfach funktioniert. Damals haben uns schon fremde Menschen geschrieben und gefragt, wo sie unser Produkt erhalten können. Sie haben alle dasselbe Problem beschrieben, dass herkömmliche Stöpsel drücken und rausfallen. Sie haben uns vertraut und für eine ganz neue Idee und einen Prototypen Geld bezahlt. Dadurch haben wir gesehen, dass es funktioniert und LinkedIn auch für B2C klappt.

Die ehrliche, zugängliche Art in unseren Posts finden die Leute gut, weil sie, vor allem auf LinkedIn, durchgehend mit sehr glatt gestrichenem, teilweise KI-produzierten, Content konfrontiert sind und unsere Beiträge eine Abwechslung darstellen. Auch, dass wir ehrlich über unsere Fehler reden und zeigen, was im Gründen alles falsch laufen kann, kommt gut an. Die Viewer sehen das reale Erlebnis und fühlen sich vielleicht besser, wenn sie sehen, dass auch bei uns Sachen falsch laufen können und wir genauso nur mit Wasser kochen. Da habe ich das Gefühl, dass wir etwas Positives zur Medienlandschaft beitragen können.

Wo siehst du ohrheld in 10 Jahren?

In zehn Jahren hat hoffentlich jeder, der sie braucht, Zugang zu maßangepassten Ohrstöpseln. Unser Ziel sind 1.000.000 Stöpsel pro Jahr zu verkaufen, dadurch ist unser Produkt definitiv zugänglich geworden. Wir starten jetzt im deutschsprachigen Raum, momentan noch ohne Schweiz, nur Österreich und Deutschland, und können hier noch lange sehr gut wachsen und bleiben auch fokussiert auf Stöpsel für den Schlaf. Am wichtigsten ist uns das Schaffen erhöhter Zugänglichkeit von maßgefertigten Produkten. Standardprodukte sind extrem gut zugänglich, wenn ich auf Amazon bestelle, ist meine Bestellung am nächsten Tag da. Aber die Maßanfertigung, die hat sich in den letzten Jahren eigentlich kaum verbessert. Vor allem mit 3D-Druck und KI ist es jetzt möglich, das Ganze zugänglicher zu machen. 

Abschließend: Hast du für junge, am Gründen interessierte Menschen eine Botschaft? 

Man weiß meistens, was der nächste Schritt ist, den man setzen muss. Das ist derjenige, vor dem man sich am meisten drückt und vor dem man am meisten Angst hat. Diesen muss man einfach gehen, für viele ist das wahrscheinlich Kaltaquise, für andere ist es vielleicht auf LinkedIn zu posten und für wieder andere ist es, das Produkt endlich zumindest Bekannten und Freunden zu schicken und Feedback einzuholen.

Ich glaube, dass man vor allem bei seinen ersten Projekten viel zu viel Zeit auf Detailfragen wie der Unternehmensform, der Website oder dem Namen verschwendet. Mein zweiter Ratschlag ist es, sich gut zu überlegen, mit wem man gründet, das ist das Wichtigste, glaube ich. Man bringt so viel Zeit in engem Kontakt miteinander, es muss einfach Spaß machen.

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